
Wolfgang Schlüter spielt sich durch 60 Jahre seines Lebens
Mühsam tastet er sich zur Bühne vor, steht hinter dem Vibraphon wie ein erratischer Block, beginnt dann zu spielen, wie ein Wunder zu swingen und zu schweben. Wolfgang Schlüter, echtes Urgestein des deutschen Jazz, erstaunliche 80 Jahre jung, ist seiner großen musikalischen Liebe, dem Swing, seit über sechs Jahrzehnten treu, legt dabei schon immer wert darauf, up to date zusein, elegante, anspruchsvolle, bewegende, befreiende Musik zu machen. Bis heute kostet er den Spirit jener jungen Jahre aus, als der vormalig als Negermusik verhöhnte Jazz in Deutschland wirkte wie eine frische Brise der Freiheit, Individualität vermittelte statt Gleichschaltung, leichten swing statt hartem Tritt, frische Luft statt braunem Muff, friedfertiges Miteinander im losen Band der Band statt ein Lied, zwo drei vier: „It's You Or No One“.
Dass er nicht beim Jazz jener frühen Jahre blieb, tritt unmittelbar hervor mit „Al Haba“, einer eigenen Komposition, die sich nicht zuletzt auch Dank der Beiträge seiner exquisiten Bandmitglieder weit hinaus begibt auf die weiten Felder improvisatorischer Kreativität. Gleiches gilt für eine Hommage an Thelonious Monk, jenen quer denkenden, kantigen Genius der Gründerzeit des Bebop. Neben dem förmlich über die Klangstäbe wirbelnden Schlüter nimmt vor allem der erfrischend aufspielende Boris Netsvetaev am Bösendorfer den Geist des großen Individualisten Monk auf, fegt förmlich um Ecken und Kanten durch metrische Tücken und harmonische Raffinessen. In einer dem Dichter Peter Rühmkorf zugeeigneten Ballade löst sich aus einem Intro mit fast Rachmaninoffschem Pathos eine feine, leise, wunderbar weich swingende Melodielinie von liebevoller, lyrischer Wärme.
Dezent dazu die Besen von Drummer Kai Bussenius, der an anderer Stelle ganz schön Temperament zeigt, und der wohlige, äußerst wendige Bass von Philipp Steen. Wieselflinker Bebop dann wieder mit dem Klassiker „Donna Lee“: Da ist Schlüter ganz nah an den Wurzeln seiner Entwicklung, nicht ohne wiederum zu zeigen, dass er auch ganz nah an der Moderne sein kann, wobei hier die „Crazy Familiy“ des Begleittrios mehr und mehr in die Offensive geht. Der Altmeister – ehedem Professor an der Musikhochschule Hamburg – nimmt mit offenkundigem Vergnügen Anteil an der Reife seiner Schüler, steuert seinerseits blitzgeschwinde Soli bei und entfaltet dazu seine eigenen lyrischen „Visionen“, dem Jungbrunnen entstiegen im schöpferischen Fluss der Ereignisse.
Tobias Böcker
| Philipp Steen sorgte für ein solides Fundament und setzte mit seinen Soli Glanzlichter auf die Songs |
Die Wahl der Mikrofonierung erwies sich rückblickend als Glücksgriff: Wie immer sollte ein Stereomikro den Löwenanteil des Klanges einfangen, gestützt durch eine MBHO-Kleinmembrankapsel mit separatem Verstärkerteil für den Kontrabass. Da mir bei vergangenen Aufnahmen dieser Art aber ein wenig Energie vom Bösendorfer fehlte, hatte ich vorsichtshalber das Earthworks PianoMic in den Flügel gelegt, um im Zweifelsfall ein wenig mehr Informationen von den Saiten zum Gesamtbild mischen zu können – was ich dann auch tat, damit keine Nuance der schier überbordenden Virtuosität Boris Netsvetaevs verloren ging. Für mich ist dies – vorrangig aus musikalischer Sicht – einer der schönsten im vergangenen Jahr aufgenommenen Downloads. Viel Spaß damit.
| Auch in der für Schlagzeuger nicht gerade unkritischen Akustik des Bildlands fand Kai Bussenius immer die richtige Balance zwischen subtiler Begleitung und treibender Kraft |
![]() Wolfgang Schlüter Quartett Monk Magie 16 bit / 44,1 kHz ca. 90,4 mb (wav) |
![]() Wolfgang Schlüter Quartett Monk Magie 24 bit / 192 kHz ca. 590,3 mb (wav) |
PS: Als Download-Button haben wir das Cover der aktuellen CD des Quartetts, Four Colours (Skip Records), ausgesucht – für den nicht unwahrscheinlichen Fall, dass Ihnen ein Stück dieser Combo einfach nicht genügt.















