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Joseph Haydn – Sinfonien Nr. 93, 96 und 97 - Heidelberger Sinfoniker, Thomas Frey

19.10.10  | Attila Csampai
 
Ohne Haydns lebenslange Experimentierarbeit wäre die Geschichte der Symphonie anders verlaufen: Trotzdem kennt man nur seine späten Symphonien und diese werden noch immer als Aufwärmstücke missbraucht. Thomas Fey und seine Heidelberger Sinfoniker wollen das ändern und gehen forsch aufs Ganze.

Joseph Haydn – Sinfonien Nr. 93, 96 und 97 – Heidelberger Sinfoniker, Thomas Fey
Erst vor wenigen Monaten überraschte uns Frankreichs Originalklang-Ikone Marc Minkowski mit seinen pulsierend frischen, optimistisch-heiteren, spielerisch-lockeren Live-Mitschnitten der Londoner Symphonien Haydns, mit denen er das konservative Wiener Publikum im Haydn-Jahr 2009 aus der Reserve gelockt hatte. Wovon dieser und andere Haydn-Enthusiasten nur träumen können, nämlich von einer Gesamtaufnahme aller 104 Symphonien des Wiener Klassikers, das haben der heute 49-jährige Thomas Fey und seine Heidelberger Sinfoniker beim deutschen Label hänssler classic auf mittlerweile 12 CDs erfolgreich und mit vorbildlichem Einsatz auf den Weg gebracht und dafür schon viel Lob eingeheimst.

Seit nunmehr 17 Jahren beschäftigt sich das kleine, 32-köpfige Sinfonieorchester unter seinem Gründer und künstlerischen Leiter vornehmlich mit der Musik der Wiener Klassik und es hat sich von Anfang an an der historischen Aufführungspraxis orientiert, wenngleich Fey keinen radikalhistorischen Ansatz praktiziert, sondern auf modernen Streich- und Holzblasinstrumenten einen „historisch orientierten“, schlanken und klar konturierten Klang anstrebt. Sein Haydn-Projekt verfolge vor allem das Ziel, erklärt Fey in seinem Einführungstext, „Papa Haydn den Zopf abzuschneiden, den ihm das 19. und 20. Jahrhundert haben wachsen lassen, und dem Hörer den großen Experimentator Haydn mit all der Kühnheit und Schönheit seiner affektgeladenen Kontrast-Musik bekannt zu machen.“

Nachdem Fey sich in den ersten zwölf Folgen auf die mittleren Sinfonien Haydns konzentriert hat, und sich da durch seine munter attackierende, kontrastreiche, trocken-konturierte Lesart stark am ursprünglichen historischen Klangbild der Eszterhazer Hofkapelle orientiert hatte, ergründet er jetzt in Folge 13 drei späte Londoner Symphonien (Nr. 93, 96 und 97) aus dieser historisierenden Klangperspektive. Das klingt im ersten Moment durchaus irritierend, weil es so forsch und schroff daherkommt, als würde er die unglaubliche Modernität und  die diskreten Tonfälle dieser späten Meisterwerke zugunsten „barockisierender“, also terrassendynamischer Kontrastwirkungen zurückdrängen wollen. So klingen diese späten raffinierten Meisterarbeiten für das Londoner Publikum bei Fey fast radikaler und unerbittlicher als bei manchem echten „Originalklang“-Orchester. Feys strikter Antiromantizismus, eine fast barockisierend anmutende kontrapunktische Schärfe, und seine Vorliebe für kontrastreiche, lärmende Dynamik aber können die Modernität, und vor allem die spirituelle Tiefe dieser späten Werke nicht ganz ausleuchten. Man fühlt sich an die heftigen Anfänge des Historismus erinnert, als die Freude an der Provokation, an scharfen Gegenpositionen zur spätromantischen Papa-Haydn-Gemütlichkeit das Wichtigste war. Das scheint aber mittlerweile, nach fast vier Jahrzehnten, doch überwunden, und auch das heutige Publikum scheint mir weniger gefährdet zu sein für die alten Haydn-Klischees. Mit ein bisschen weniger knalliger Attacke und preussischer Zackigkeit könnte Fey bestimmt mehr erreichen und tiefer eindringen in das zutiefst humane Wesen dieser Musik, so hätten neben der Experimentierfreude auch die Schönheit und die tiefe Spiritualität eine grössere Chance. Eine erfrischende Haydn-Erfahrung ist das trotzdem.

Interpretation 80%
Editorischer Wert 75%

Joseph Haydn: Symphonien Vol. 13: D-dur Nr. 93, D-dur Nr. 96, C-dur Nr. 97
Heidelberger Sinfoniker, Thomas Fey (Aufnahmen 2009)
Hänssler classic CD 98.595
TT: 71’39

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