Banner

Wiedergehört: Taste – On The Boards

02.01.2011  | von Mátyás Kiss
 
Mit einem Riff, wie erfunden für die zahlreichen Anhänger des Luftgitarrenspiels, beginnt „What´s Going On“, und wenn‘s so weiterginge auf dem zweiten Studioalbum der Gruppe, wäre Taste wenig mehr gewesen als ein auf bodenständigen Bluesrock eingeschworenes Powertrio in der Nachfolge von Cream.

Wiedergehört: Taste – On The Boards
Was Rory Gallagher, der kleine Ire mit dem großen Durst (der ihn 25 Jahre später das Leben kosten sollte), mit Taste lieferte, war weder ein kompakter Gruppensound wie bei Ten Years After noch eine Jimi Hendrix Experience für Traditionalisten. Dafür bot er ein breites musikalisches Spektrum von Boogie à la Status Quo über Irish Folk, Folk Blues und Jazz (für den Gallagher in entfernte Harmonien auswich und sogar wie Landsmann Van Morrison aufs Altsaxophon wechselte) bis hin zu Gitarrengewittern, wie sie Deep Purple in jenem Jahr auf In Rock entfesselten. Taste jedoch – mit Richard McCracken am Bass und John Wilson am Schlagzeug – lösten sich nach ihrem (zum Glück mitgeschnittenen) Konzert auf der Isle of Wight auf. Für den kommerziellen Durchbruch hatte ihr Atem nicht ausgereicht.

Was On The Boards noch heute zum Hörerlebnis macht, ist nicht nur die ungewöhnliche Vielfalt an Stilen, die das Album vor uns auffächert, sondern auch die für ihre Zeit vorbildlich klare Tontechnik, für die Eddie Offord verantwortlich zeichnet, der unter anderem sein Scherflein zum Erfolg der frühen Emerson, Lake & Palmer-Alben beisteuerte.

Anders als Alvin Lee war Gallagher kein Geschwindigkeitsfanatiker. Ehrliches Handwerk und persönlicher Ausdruck waren ihm stets wichtiger, letzterer aber bis zur Egozentrik. Seine Begleiter durften nie für mehr als ein solides Backing sorgen, kompositorische Beiträge oder Soli waren unerwünscht. Trotzdem sollte Bassist Gerry MacAvoy, den der Gitarrist schon kurz nach dem Ende von Taste rekrutierte, seinem Boss über all die Jahre hinweg die Treue halten. Dessen Aktivitäten kamen mit seinem wachsenden Leibesumfang mehr und mehr zum Erliegen – umso erstaunlicher, dass er sich kurz vor seinem Tod noch für ein Peter-Green-Projekt begeistern ließ.

Gallaghers Markenzeichen – das Holzfällerhemd und die abgeschabte Fender Stratocaster – standen auch für eine früh eingetretene Stagnation seiner Musik. Diese Form von Zuverlässigkeit jedoch bildete beinahe schon wieder die Voraussetzung für seinen Erfolg: In den siebziger Jahren absolvierte er als Soloattraktion zahlreiche (auf vier CDs in der Road Box dokumentierte) Tourneen und spielte so gelungene Schallplatten wie Photo-Finish oder Calling Card ein. Doch die hier noch ungebrochene Entdeckerfreude darüber, was ein vom Blues begeisterter junger Mann mit sechs Saiten anstellen kann, war da schon ein wenig der Routine gewichen.

Taste – On The Boards
Polydor LP 2459 338 (als CD weiterhin erhältlich)
Erstveröffentlichung: 1970
Spieldauer: 36:45

Wir laden Sie ein, diesen Artikel zu kommentieren. Bitte loggen Sie sich dazu ein. Falls Sie sich noch nicht registriert haben sollten: dies ist im Handumdrehen erledigt.

Banner
Banner
Banner
Banner
Banner
Banner
Banner
Banner
Banner
Banner
 
Banner