Jörg Schippa’s UnbedingT

20.01.11  | Hans-Jürgen Schaal
 
Die Gitarre ist ein Instrument, das überall zu Hause ist: in der Kammermusik, im Jazz, der Volksmusik und im Rock sowieso. Der Gitarrist Jörg Schippa ist ebenfalls überall zu Hause.

Jörg Schippa – UnbedingT
Er hat „klassisch“ gelernt, hat sich Blues und Jazz erobert und sich dann immer weiter in Freejazz-, Avantgarde- und Neue-Musik-Konzepte vorgearbeitet. Jim Hall und Jimi Hendrix, Uwe Kropinski und Ry Cooder scheinen ihm gleich nahe zu stehen. Bach, Bartók, Ligeti sind ihm nicht fremd. Man könnte sagen: Jörg Schippa will sich nicht entscheiden. Man könnte auch sagen: Er vereinigt das Beste aus allem. „KammerGrooveJazz“ nennt er sein Konzept. Virtuos komponierte Themen, multilinear, transharmonisch. Dazu delikat huschende oder kräftig rockende Rhythmen. Und vor allem: hochprozentige Jazz-Improvisationen voll explosiver Expressivität. Hier ist alles drin, was Spaß macht. Jörg Schippa muss sich nicht entscheiden.

Klarinette, Bassklarinette, akustische Gitarre: Diese Besetzung verspricht nicht nur Klischeefreiheit und Klangzauber, sondern auch viel Wärme. Schippa weiß diese Wärme aber zu kontrastieren: Mit einem Drummer, der sein Set scheppern lässt, straighten Rockbeat schlägt, auf ungeraden Rhythmen galoppiert oder körperlos die Besen streicht. Dazu kommt eine kühlende Kompositionssprache, deren Strukturen und Intervalle etwas Kammermusik atmen, voll innerer Spannung sind, unaufhaltsam vorwärts drängen. Dieses musikalische Konzept ist neu, es ist reif, es ist kurzweilig, es überzeugt auf ganzer Linie, selbst in den schlauen Übergängen zwischen den komplexen Themen und den mitreißenden Soli, improvisierten Wechselgesprächen und Kollektiv-Improvisationen.

Wer im Jazz die Gitarre akustisch spielt, hat seine Gründe dafür. Er will Farbe, Dynamik, Präzision, Details, Mehrklänge. Da klingt ein klein wenig Blues mit und ein klein wenig Gypsy Music, aber so, wie Schippa spielt, ist das vor allem virtuos und frei, modern und herausfordernd. Sein Gegenpart und Hauptsolist: Jürgen Kupke, Klassik- und Theaterklarinettist und bekannt aus ungewöhnlichen Jazzprojekten wie Clarinet Trio, Frigg und Talam Acht. Kupke lässt seine brillante Klarinette jubeln und schreien und growlen, hin und wieder klezmerhaft krächzen, aber immer wieder auch ganz konsequent den musikalischen Sinn des Stücks modellieren und entwickeln. Die Ergänzung kommt von Florian Bergmanns Bassklarinette, die mal sachliche Bassstimme ist, mal munterer Kontrapunkt, mal Parallelgängerin in einem mysteriösen Zusammenklang. Und Christian Marien, der Drummer, mischt sich da ständig hinein.

Auch die Anregungen für Schippas elf kompakte Kompositionen kommen von überall her. „Rumms“ und „Funky H.“ könnte man sich als virtuose Metal-Nummern vorstellen, „Vergissmeinnicht“ badet in bluesigem Blau, „Zwiefacher“ ist von den Wechselrhythmen des Volkstanzes inspiriert, aber keineswegs folkloristisch. Andere Stücke haben ihre Quelle hörbar in der klassischen Musik, entwickeln sich aber ebenso ins Groovige, Jazzige, Expressive. Nichts ist da statisch. Schippas Quartett besitzt die Kraft des Ereignisses, den Überraschungsmoment des Improvisierten. Dieses Unbedingte.

Jörg Schippa – UnbedingT
Stadtnachtlauf
Rumms
Vergissmeinnicht
Neonplus
Zwiefacher
Sarabande
Maurice
Das Lächeln Neuköllns
Rummelwalzer – After Dark
Funky H.
M. Bip
Jürgen Kupke – Klarinette
Florian Bergmann – Bassklarinette
Jörg Schippa – akustische Gitarre
Christian Marien – Schlagzeug
Konnex KCD 5257 (2010)
TT: 61:19

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