Jazz Talk # 8 – Meine Achtzigerjahre – Über beide Ohren im Jazz

02.02.11  | Hans-Jürgen Schaal
 
Um 1980 fielen die Scheuklappen, die Stilgrenzen, die Regelwerke. Die neue Devise hieß: „Anything goes“ – solange es Spaß macht. Für den unersättlichen Spieldurst des Jazz kamen Jahre im üppigen Schlaraffenland. 1990 blickte unser Autor auf ein knallspannendes Jahrzehnt zurück – und heute reflektiert er seinen Rückblick von einst.

Mir fällt immer wieder auf: Über die Popmusik der 80er-Jahre kursieren sehr geteilte Meinungen. Manchen, die damals im späten Teenager-Alter waren, gilt sie als „die beste Musik ever“. Andere wiederum halten die 80er-Jahre für „ein verlorenes Jahrzehnt der Popmusik“, das außer dem Drum-Computer und dem Musikvideo keinerlei Innovationen hervorbrachte. Ich hätte gerne eine eigene Meinung zu dem Thema, aber um ehrlich zu sein: Ich bin einfach nicht kompetent. Denn ich habe die Popmusik der Achtziger total verschlafen.

Jazz Talk # 8 – Meine Achtzigerjahre – Über beide Ohren im Jazz

Wie ist das möglich? War ich nicht auf diesem Planeten? Doch, doch: Die Achtziger waren sogar mein aktivstes Jahrzehnt, wie das bei den meisten Menschen im dritten Lebensjahrzehnt der Fall ist. In den Achtzigern habe ich fleißig studiert und mein Studium mit einer sehr guten Note abgeschlossen. Ich habe meine ersten journalistischen Arbeiten veröffentlicht, für Programmhefte geschrieben und ein paar Rundfunksendungen gemacht. Ich war auch viel mit meiner Freundin unterwegs, in Frankreich, Ungarn, Italien, Griechenland, sogar im Harz und im Teutoburger Wald. Ich bin ins Berufsleben eingetreten und schaffte es in sechs Monaten von der Weihnachts-Aushilfe zum Abteilungsleiter. Ich habe mich sogar getraut, wieder zu kündigen und die Firma zu wechseln. Ich bin von Selbstgedrehten auf Zigarillos umgestiegen und von Zigarillos auf Pfeife. Ich bin mit meiner Freundin zusammengezogen und habe sie schließlich geheiratet. Man kann also nicht sagen, ich wäre in den Achtzigern nicht vorhanden gewesen.

Wie also konnte ich die Popmusik jener Zeit verschlafen? Ganz einfach: Ich steckte bis über beide Ohren im Jazz. Wenn man mich fragt, war der Jazz der 80er-Jahre „der beste Jazz ever“. Es gab damals endlich wieder swingenden akustischen Jazz, der sich aber noch nicht als Yuppie-Kultur gerierte. Es gab viel handfesten Bebop, es gab erdigen Hardbop und die große Monk-Welle mit ihren fröhlichen Dissonanzen. Es gab die eklektizistische Loft Scene und den multikulturellen World Jazz, es gab frechen Fake Jazz, heftigen Punk Jazz, grüne Noise Music, hiphoppige M-Base und schrägbunte Bigbands. Die Achtziger waren meine Jazz-Dekade, ich schleppte das Vinyl lastwagenweise nach Hause. Am Ende wusste ich auch ganz genau, welche die 50 besten Platten des Jahrzehnts waren: Die listete ich im Frühjahr 1990 im „Wiener“ auf, das war das Zeitgeist-Magazin der Ära. Nach längerem Suchen habe ich das Heft von damals sogar wiedergefunden, tief verschüttet in den Abraumhalden meines Arbeitszimmers. Das Layout, damals der letzte Schrei, wirkt heute doch sehr archaisch: Buchstabenwüsten, viel Schwarzweiß, wenig Luft, große Lettern, kleine Bilder. Ein Zeitdokument.

Change of Season
Meine „50 wichtigsten Jazzplatten der Achtzigerjahre“ hatte ich damals in fünf Kategorien untergliedert. „Tradition mit Pfiff“ hieß die erste Zehner-Liste und enthielt zum Teil recht abgefahrene Neudeutungen der Jazzgeschichte: Hardbop mit John Zorn, Bebop im Saxophonquintett, Monk zwischen Bluespiano und Rockgitarre. Ein echter Meilenstein blieb für mich Change Of Season (Soul Note), das Tributalbum an Herbie Nichols, den lange ignorierten, dann erfolglosen, dann früh verstorbenen und schnell wieder vergessenen Sigmund Freud des Bop-Klaviers. Auf diesem Album von 1984 hörte ich wohl zum ersten Mal Kompositionen von ihm: „House Party Starting“, „The Happenings“ oder „The Tempest“, durchweg raffinierte, widerborstige Ohrwürmer. Nichols hatte sich immer gewünscht, dass seine Stücke von Bläsern gespielt würden, aber die scheuten lange Zeit die ungewohnten Akkordfolgen. Erst als 1982 Thelonious Monk starb und das Monk-Fieber die Szene ergriff, kamen einige auf die Idee, auch Nichols’ Schrägheiten wieder ans Licht zu zerren – allen voran der experimentelle Sopransaxophonist Steve Lacy, ein dezidierter Monk-Verehrer. Lacys Sopransax und die Posaune von George Lewis: Diese ungewohnte Klangkombination gibt dem Ensemblespiel auf Change Of Season eine besonders aparte Note, wild garniert von drei absoluten Sturköpfen der holländischen Szene. Eine ziemlich unwahrscheinliche Freak-Band also, dazu entsprechend eigenwillige Soli und ein vergessenes Psycho-Bop-Repertoire: Diese Platte ist ein Wunderwerk, viel zu gut, um ein Klassiker zu werden.

Gallery
„Mainstream“ hieß 1990 meine zweite Zehner-Liste – und diese Überschrift würde heute (mehr als damals) für Verwunderung sorgen. Denn wirklicher Mainstream-Jazz ist in dieser Auswahl überhaupt nicht zu finden, allenfalls ein gemäßigter, rhythmisch geordneter Loft-Scene-Groove zwischen Chico Freeman und Jane Ira Bloom. So empfanden wir es in den Achtzigern: Konventionelle Chorusse waren per se konservativ, Grenzgänge waren bereits Mainstream. Dabei ist Gallery (Gramavision), das ich 1990 Oliver Lakes bis dahin „gelungenstes Werk“ nannte, ein absolut mutiges Album: Der Mitbegründer des World Saxophone Quartet ließ sein harsches, rigoroses Altsaxophon hier mal so richtig vielseitig zubeißen. Er beginnt mit einem handfesten Blues wie vom frühen Jackie McLean, greift aber auch entschlossen auf seine Free-Wurzeln zurück, etwa im nachdenklichen Solostück „Sad Louis“ oder in der wechselvollen „Le Sport Suite“. Souverän tollt Lakes Musik durch verschiedene Terrains zwischen Form und Free und swingt über weite Strecken derbmächtig los. So viel Groove lag für die zweite Free-Jazz-Generation schon an der Grenze des moralisch Vertretbaren und war eigentlich nur mit einem postmodernen Augenzwinkern zu entschuldigen. Gallery hat aber noch einen zweiten Helden, einen weiblichen: Geri Allen spielte damals so genial verknotete und vermonkte Klavierläufe, dass man zuweilen fürchten musste, sie könnte sich die Finger brechen oder damit zwischen den Tasten stecken bleiben. So waren die Achtzigerjahre: voller abenteuerlicher Grenzgänge.

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