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Fritz Reiner dirigiert Rossini-Ouvertüren

07.02.2011  | von Attila Csampai
 
Von vielen Kollegen hochgeachtet, von den meisten Orchestermusikern gefürchtet, gilt der ungarisch-amerikanische Dirigent Fritz Reiner bis heute als Prototyp des strengen, unerbittlichen Orchesterdiktators, der seinen Musikern und auch seinen Studenten das letzte abverlangte, dabei einen geradezu minimalistischen Dirigierstil pflegte. Jetzt hat Sony ein vergessenes Album Reiners mit Rossini-Ouvertüren wiederveröffentlicht.

Fritz Reiner dirigiert Rossini-Ouvertüren
Unter den grossen ungarisch-jüdischen Orchestererziehern, die Amerikas Orchesterkultur in die Weltspitze hievten, war der 1888 in  Budapest geborene Fritz Reiner der Strengste: Ein autokratischer, unerbittlicher Präzisionsfanatiker, der schon in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts mit dem Chicago Symphony Orchestra Schallplattengeschichte schrieb. Strawinsky attestierte ihm, dass er das CSO in wenigen Jahren zum „präzisesten und flexibelsten Orchester“ der ganzen Welt geformt habe. Welche musikalischen und interpretatorischen Höchstleistungen der vormalige Bartók-Schüler vor allem in seinen letzten Lebensjahren seinen Musikern abtrotzte, das dokumentieren bis heute seine auch akustisch Maßstäbe setzenden späten Stereo- und Dreikanalproduktionen, die er zwischen 1954  und 1963, seinem Todesjahr, für die legendäre Living-Stereo-Edition der RCA dirigierte, und die für viele auch später geborene Klassikfreunde und Schallplatten-Sammler als unerreichte Referenzen gelten: Ich nenne hier nur seine elektrisierenden Strauss-Aufnahmen, die mit Heifetz produzierten Violinkonzerte von Brahms und Tschaikowsky, seine späten Mahler-Produktionen (Vierte und des „Lied von der Erde“), seine Beethoven-Symphonien, und vor allem die zahlreichen virtuosen Sampler wie „The Reiner Sound“ oder sein russischen Album, die hohe Auflagen erzielten und ihn zu einem der frühen Galionsfiguren der High Fidelity und der modernen Stereoaufnahme werden liessen.

Jetzt hat Sony ihrem schon vor Jahren auf CD (und später auch auf SACD und XRCD) überspielten Reissue-Archiv von ausgewählten Reiner-Produktionen (circa 20 CDs) ein bislang unter Verschluss gehaltenes Rossini-Album mit sechs bekannten Opernouvertüren hinzugefügt und diesem durchaus unterhaltsamen Programm eine 1959 entstandene Studioversion der „Don Giovanni“-Ouvertüre Mozarts beigegeben: Diese „wiederentdeckten“ Reiner-Highlights zieren jetzt eine neue Reissue-Edition, die unter dem Namen „Originals“ das Erfolgskonzept einer anderer Major Company zu kopieren versucht. Auch hier hat man die Originalcovers der alten LP-Ausgaben auf CD-Norm verkleinert und hofft, so auch manche ältere Semester emotional zu erreichen. Der Pferdefuss ist nur, dass man die zunächst auf DSD neu überspielten Tapes jetzt, nach dem hausinternen SACD-Boykott, wieder auf den alten CD-Datenssatz herunterrechnen musste, was dem echten Hifi-Freund sauer aufstößt, weil man ihm aus politischen Gründen die höchste Klangqualität verweigert.

Aber auch im konventionellen CD-Stereo-Format bieten diese 52 Jahre alten Archiv-Aufnahmen eine sensationelle Klangqualität und demonstrieren auf spektakuläre Weise die unglaubliche Kompetenz und das musikalische Feeling einer solchen Tonmeisterlegende wie Lewis Layton, der 1958 und 1959 in der Orchestra Hall in  Chicago die Regler bediente, und orchestrale Opulenz in einer Weise mit „Deutlichkeit“ zu kombinieren verstand, die einen heute noch fesselt.

Und wer die wenigen legendären Opernproduktionen Reiners kennt, die während seiner Jahre an der Met meist mitgeschnitten wurden, so seine „Salome“ von 1949, oder seine „Carmen“ von 1952 oder seinen bis heute heute unerreichten „Figaro“ von 1952, wird nicht überrascht sein, ihn hier als einen der suggestivsten und präzisesten Gestalter der überbordenden Vitalität und der raffinierten Seelenmechanik Rossinischer Ouvertürenkunst erleben zu können und erneut als einen seiner Zeit um Jahrzehnte vorauseilenden Klangmagier und Perfektionisten, dessen Unbestechlichkeit und dessen dramatischer Sog auch nach 40 Jahren „Originalklangrevolution“ nicht um einen Tag gealtert sind. Und wer da bislang meinte, Rossini sei eine Angelegenheit für Italiener, und Toscanini der historische Maßstab für seine Ouvertüren, der sollte sich nur Reiners 100-Mann-Version der grossen „Wilhelm-Tell“-Ouvertüre anhören: Hier erteilt der schlagtechnische Minimalist Reiner jedem jungen Besserwisser von heute posthum nicht nur eine Lektion an bestechender orchestraler Virtuosität und Klangkultur, sondern er entfacht im Sturm und im Schlussgalopp solche Explosivkräfte des Dramatischen und des Vorwärtsdrängenden, dass man unweigerlich mitgerissen wird von diesem Strudel entfesselter Lebenslust und am Ende erschöpft und glücklich zurückbleibt. Im Booklet kann man den LP-Originalkommentar von Alberto Moravia (!) über Rossinis „Faulheit“ studieren. Zu welchen Ausbrüchen von Lebensfreude und Menschenliebe diese Faulheit fähig war, das lehrt uns dann der unsterbliche Fritz Reiner. Der legendäre RCA-Produzent Jack Pfeiffer bezeichnete ihn nicht zu Unrecht als grössten Dirigenten, der ihm jemals begegnet sei.

Interpretation 100%
Editorischer Wert 95%

Fritz Reiner dirigiert Rossini-Ouvertüren
Rossini-Ouvertüren: Wilhelm Tell, La scala di seta, Il signor bruschino,
Il barbiere di Siviglia, La gazza ladra, La Cenerentola
W. A. Mozart: Ouvertüre zu “Don Giovanni”
Chicago Symphony Orchestra, Fritz Reiner
(Aufnahmen: Chicago 1958, 1959)
Sony Music/RCA 88697689642 (stereo)
TT: 53’00

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