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Wolfgang Dauner Trio 1964 – Dream Talk

13.03.11  | Hans-Jürgen Schaal
 
Diese Aufnahme ist fast 50 Jahre alt, aber sie leuchtet vor unverbrauchter Frische. Und das liegt nicht nur am digitalen Remastering von 2008: „Ich habe niemals Musik gemacht, die im Trend liegt“, sagt Wolfgang Dauner. „Das ist wahrscheinlich der Grund, warum mir einige Platten gelungen sind, denen man die vergangene Zeit nicht anmerkt.“

Wolfgang Dauner Trio 1964 – Dream Talk
Wolfgang Dauner – das sind mehrere Kapitel deutscher Kulturgeschichte. Zu Wolfgang Dauner fallen mir ein: Flügel und Synthesizer, Radio Jazz Group Stuttgart und United Jazz & Rock Ensemble, die Jazzoper Der Urschrei und die Kinderplatte Das Auto Blubberbumm, MPS und Mood Records, Albert Mangelsdorff und Charlie Mariano, Bundesverdienstkreuz und Skandale, die Band Et Cetera und Konstantin Wecker, „Trans Tanz“, „Be-Bop Rock“ und „Feuerwerxmusik“... Grenzenlos kreativ, ungebrochen aufmüpfig, ein bewundernswerter Stuttgarter Dickschädel. Kürzlich ist er 75 Jahre alt geworden.

Dream Talk war Dauners erste echte Jazzplatte unter eigenem Namen, von Horst Lippmann für CBS produziert. Einfach nur ein Pianotrio: Klavier, Bass, Schlagzeug. Diese Standard-Besetzung bedeutete im Jazz jahrzehntelang, dass ein Tastenkönig regiert und zwei Rhythmusknechte zuarbeiten. Erst seit der Jahrtausendwende etwa ist vom neuen Klaviertrio die Rede, einem emanzipierten, basisdemokratischen, den Jazz überschreitenden Kollektiv, in dem die Visionen des Bassisten und des Drummers ebenso wichtig sind wie die Ausschweifungen des Tastenmanns. Auf Dream Talk war das alles schon so. Die Gegenwart ist endlich in Dauners 1964 angekommen.

Frisch war damals der Free Jazz, der die gewohnten Hierarchien der Instrumente durcheinanderwirbelte. Frisch waren die sensiblen Village-Vanguard-Aufnahmen des Bill Evans Trios, die den heutigen Klaviertrios als Heiligtum gelten. Doch Wolfgang Dauner, Eberhard Weber und Fred Braceful gingen damals schon einen Schritt weiter: Die Musik auf Dream Talk swingt, sagt Dauner, aber sie swingt auf abstrakte Art nach dem „Metronom des Unterbewussten“. Hier werden keine Jazzklischees bedient, aber der Jazz steckt in vielen kleinen Wendungen. Ornette Colemans „Bird Food“ schlägt die Brücke von Charlie Parker zu Wolfgang Dauner. Man spricht Jazz wie im Traum.

Gleich im Titelstück malen Bass und Drums mysteriöse Grundierungen, dazu irrlichtern vom Klavier sagenhaft freie, eigenwillig großintervallige Läufe. Auch unglaublich schöne Balladen gibt es zu entdecken, Dauners „A Long Night“ und „Dämmerung“, Mal Waldrons „Soul Eyes“, aber für die Einstimmung genügt es schon, dass Fred Braceful einmal den Jazzbesen ansetzt – und danach einfach etwas anderes tut, etwas Spannenderes, Unerwartetes. Und wie Eberhard Weber, der damals noch gar nicht wusste, dass er Musiker werden will, seine Basstöne in den Raum setzt, das hat mehr Jazz als manche konventionelle Walking-Line. Dream Talk ist immer ganz Gegenwart – und leuchtet weiter in die Zukunft.

Wolfgang Dauner Trio 1964 – Dream Talk
Dream Talk
Bird Food
A Long Night
Dämmerung
Zehn Notizen
Soul Eyes
Free Fall
Yesterdays
Wolfgang Dauner – Piano
Eberhard Weber – Bass
Fred Braceful – Schlagzeug
L+R CDLR 710627 (Reissue 2008)
TT: 43’01

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