Das Liszt-Jahr 2011 hat dem Jubilar, dessen Geburtstag sich im Oktober zum zweihundertsten Male jährt, noch keine Lorbeeren beschert: Noch immer meiden die meisten Pianisten sein gigantisches Klavierwerk und stürzen sich alle nur auf die h-moll-Sonate, sein Vokal- und sein Orchesterschaffen liegen ganz im Dunkeln.
| Louis Lortie spielt Liszts „Années de pélerinage‟ |
Der aus Vancouver stammende, aber seit vielen Jahren auch in Europa bekannte Pianist Louis Lortie war dagegen immer schon ein Freund zyklischer Aufführungen. Man denke nur an seine hochgelobte Einspielung aller Beethoven-Sonaten oder seine preisgekrönte Version der Chopin-Etüden, und er hat das technische Fundament und die mentale Kraft, um solche kräftezehrenden Projekte auch interpretatorisch souverän zu meistern und einen grossen gestalterischen Bogen zu ziehen. So auch hier, bei Liszts einzigartiger „Kunstpilgerreise“ und gewissermaßen seinem ästhetischen Credo, wo es ja gilt, die extreme inhaltliche und emotionale Bandbreite von Liszts überbordender musikalischer Phantasie und eine persönliche Entwicklung von mehr als 40 Jahren zu einer stringenten dramatischen Erzählung zu verdichten und hinter aller Virtuosität den hohen ästhetisch-literarischen Anspruch, die Poesie und das enorme Innovationspotenzial dieses einzigartigen Manifests über Liszts romantischem Kunstbegriff zu vermitteln.
Man muss hier vielleicht einmal darauf hinweisen, dass es Liszt nicht um vordergründig deskriptive Programmmusik ging, also um die platte musikalische Abbildung von Naturvorgängen oder Kunstwerken, sondern um die Schilderung seiner durch die persönliche Wahrnehmung und Erfahrung dieser Schauplätze und Kunstwerke ausgelösten Eindrücke und Empfindungen: So handelt das zweite Buch seiner musikalischen Pilgerreise, die „Années de Pélerinage: deuxième année, Italie“, nicht von den Landschaften Italiens, sondern reflektiert über bestimme Meisterwerke der italienischen Literatur und Malerei, wie Petrarcas „Sonette“ oder Dantes „Göttliche Komödie“ oder auch ein berühmtes Gemälde Raffaels. Zu dem abgründigsten Stück des zweiten Teils, „Il Penseroso“ („Der Nachdenkliche“), das in seiner kühnen Harmonik seiner Zeit weit vorausgreift, wurde Liszt durch die berühmte Statue Michelangelos auf dem Grab Lorenzo de Medicis in der Kirche San Lorenzo in Florenz inspiriert. Hier erweist sich der von Lortie für die Aufnahme verwendete grosse Fazioli-Konzertflügel mit seiner opulenten Bassfülle als besonders geeignetes Instrument, um die spirituelle Tiefe und die unheimliche Grabesstimmung dieser metaphysischen Phantasie suggestiv in Klang zu setzen.
Bei diesem – oft genug an die Grenzen des Manuellen gehenden – zweieinhalbstündigen Wechselbad stärkster Gefühlskontraste aber achtet Lortie immer darauf, sich weder plakativ im virtuosen Inferno noch in purer Schönheit oder Melancholie zu verlieren, sondern er behält die eigentliche philosophische Botschaft Liszts, den ethischen Läuterungs- und Entwicklungsgedanken dieser „Pilgerreise“ zu Heiligtümern der Kunst und der Natur fest im Auge. Virtuosität wird hier, ganz im Sinne Liszts, zu einem Mittel der höheren Erkenntnis. Eine eindrucksvolle, hochintelligente, bis zum letzten Takt spannende, und musikalisch hochwertige Annäherung an die Geisteswelt eines bis heute unterschätzten musikalischen Revolutionärs, die seine historische Größe endlich in ein richtiges Licht rückt.
| Interpretation | 90% |
| Editorischer Wert | 100% |
| Franz Liszt, „Années de Pèlerinage‟ (komplett, inkl. „Venezia e Napoli‟) |
|---|
| Louis Lortie, Klavier (Aufnahme: 2010) |
| Chandos CHAN 10662(2)/Codaex (2 CDs) |
| TT: 160’20 |















