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Die heiligen Stätten des Jazz – Live-Mitschnitte aus New Yorker Clubs

01.06.11  | Hans-Jürgen Schaal
 
Birdland, Five Spot Cafe, Village Vanguard, Half Note – vier legendäre New Yorker Jazzclubs, berühmte Tempel der improvisierten Musik. Die rituelle Zauberkraft dieser Räume wirkt bis in die Konzertaufnahmen hinein, zum Beispiel bei Art Blakey, Eric Dolphy, John Coltrane und Wes Montgomery.

Die heiligen Stätten des Jazz – Live-Mitschnitte aus New Yorker Clubs
New York – „the big apple“, Ballungsgebiet für 20 Millionen Menschen – kennt viele magische Orte. Es sind Orte großer Sportereignisse wie der Madison Square Garden, das Yankee Stadium oder Flushing Meadows. Heilige Hallen der Kunst wie das Museum of Modern Art (MoMA) oder das spiralförmige Guggenheim. Musiktempel wie die Carnegie Hall und die Metropolitan Opera. Monumente der Wolkenkratzer-Architektur wie das Empire State Building, das Chrysler Building oder das Flatiron (Bügeleisen). Legendäre Orte wie der Times Square, der Broadway, die Brooklyn Bridge, der Central Park, das Waldorf-Astoria. Und natürlich die Jazzclubs: Seit den 1930er-Jahren ist New York die Welthauptstadt der improvisierten Musik. In der Morgendämmerung des Modern Jazz, im Übergang von Swing zu Bebop, vibrierte einst die 52nd Street in Midtown Manhattan als die Heilige Straße des Jazz, die „Swing Street“. Ein Club reihte sich dort an den anderen, Downbeat, Famous Door, Hickory House, Kelly’s Stable, Onyx, Spotlite, Three Deuces. Der Jazzfan konnte die ganze Nacht von Tür zu Tür gehen, die Facetten der Jazzszene boten sich ihm nebeneinander an wie verschiedene Fernsehkanäle. Club Hopping! Club Zapping!

A Night At Birdland (Blue Note)
Als der Bebop strahlend blühte und der Cool Jazz gerade Knospen trieb, wurde 1949 das Birdland eröffnet. Ein magischer Ort: Ecke 52nd Street und Broadway, „the jazz corner of the world“. Die Eröffnung war damals eine Kampfansage an das Bop City, das ein Jahr zuvor drei Straßen weiter aufgemacht hatte: Das Birdland war noch größer, noch prächtiger, fasste 400 Personen, besaß eine Bigband-Bühne, ein Radiostudio und einen nagelneuen Flügel. Das Geld dafür, man ahnte es, kam von der Mafia, zu der der Birdland-Betreiber Morris Levy beste Beziehungen besaß: Wenige Jahre später schon sollte er die Konkurrenten vom Bop City in die Knie zwingen. Der von Levy bestellte Werbesong „Lullaby Of Birdland“ (von George Shearing) wurde prompt ein populärer Jazz-Standard, Joe Zawinuls Widmungsstück „Birdland“ ebenfalls. Benannt war der Club natürlich nach Charlie „Bird“ Parker, der Symbolfigur des Bebop, der auch am Eröffnungsabend dort auftrat. Käfige mit lebenden Finken hingen damals im Raum, um den Namen der Lokalität zu unterstreichen. Parker lebte noch, als im Februar 1954 dort auch das neu formierte Art Blakey Quintet gastierte: Das legendäre Album A Night At Birdland (Blue Note) gilt als die Geburtsstunde des Hardbop und der Jazz Messengers. Dabei hieß die Band noch gar nicht so und auch ihre Musik klang mehr nach dem Lokalheiligen Bird als nach Hardbop. Horace Silvers „Split Kick“, „Quicksilver“, „Mayreh“ und (auf Volume 2) „Wee-Dot“ sind nämlich astreiner Uptempo-Bebop, dazu kommen (ebenfalls auf Volume 2) sogar zwei Parker-Originals. Nur Art Blakeys trommeldonnernde Trickkiste und Horace Silvers dezente Funkiness kündigen an, was da kommen wird: Ein Jahr später schuf das Team Blakey/Silver mit „The Preacher“ die Hymne des Hardbop, dann tatsächlich unterm Namen „Jazz Messengers“, aber mit neuem Personal. Die Frontline des Birdland-Auftritts blieb indes unerreicht: Altsaxophonist Lou Donaldson geht volles Risiko, wie von Birds Schatten gejagt, und Clifford Brown, der Unvergleichliche und Frühverewigte, legt seine Linien aneinander wie Perlenketten. „The new trumpet sensation“, so kündigt ihn Pee Wee Marquette an, der kleinwüchsige MC des Birdland, dem die Musiker immer ein gutes Trinkgeld geben mussten, damit er ihre Namen nicht verhunzte. Seine Ansage hier wurde später von US3 gesamplet – für den bis dahin größten Blue-Note-Hit „Cantaloop“. (Ein neues Birdland residiert seit den Neunzigerjahren in der 44th Street.)

The Great Concert Of Eric Dolphy (Prestige)
Bevor der Jazz die 52nd Street eroberte, hatte er sein Zentrum uptown in Harlem. Der Cotton Club und der Savoy Ballroom, Connie’s Inn, Apollo Theatre, Rhythm Club, Lenox Club, Lafayette Theatre und Lincoln Theatre lagen alle nördlich der 120. Straße. Mit den modernen Klängen der 50-er-Jahre aber wanderte der Jazz von der 52nd Street immer weiter downtown: ins Village, den ältesten Teil New Yorks, das Viertel der Italiener, Chinesen, Juden, das Viertel der Maler, Dichter und Musiker. Joe Termini hatte eine kleine Kneipe am Cooper Square, wo Bowery und 3rd Avenue zusammentreffen, und ließ sich 1955 von Künstlern aus der Nachbarschaft überreden, eine Jazzlizenz zu erwerben. Sein Five Spot Cafe war als Jazzlokal zwar winzig, es gab nicht einmal eine Garderobe, aber die Musiker liebten den Club: Benny Golson widmete ihm seinen Blues „Five Spot After Dark“ und auch Thelonious Monk schrieb einen „Five Spot Blues“. Als Monk 1957 seine Cabaret Card für New York zurückbekam, trat er im Five Spot sogar ein sieben Monate (!) dauerndes Engagement an. 1959 hatte auch Ornette Coleman hier sein New-York-Debüt, Leonard Bernstein erschien am Premierenabend und das Gastspiel wurde von zwei Wochen auf zwei Monate (!) verlängert. Und das Five Spot blieb Sprungbrett für angesagte Avantgarde: Im Sommer 1961 glänzte hier 14 Tage lang das brandneue Quintett von Eric Dolphy und Booker Little, dieser beiden Hoffnungslichter eines anbrechenden Jazzjahrzehnts. Das 3-LP-Set The Great Concert Of Eric Dolphy (Prestige) enthält sieben Stücke des Five-Spot-Auftritts vom 16. Juli, das kürzeste ist zwölf Minuten lang. Nie klang eine Band vielversprechender als diese: Die Originals – darunter Dolphys dissonant beschwörendes „The Prophet“ und sein 10-plus-8-taktiges „Number Eight“ – bersten vor Kreativität, die Soli – bis zu 7 Minuten lang – brodeln vor Leidenschaft und Innovation. Dass das Klavier leicht verstimmt ist, stört wenig: Pianist Mal Waldron schlägt aus diesem Mangel sogar monkische Funken. Leider hat man von dieser Superband nie mehr gehört: Ausnahme-Trompeter Booker Little starb keine drei Monate danach. 1962 zog Joe Termini mit dem Five Spot in eine größere Lokalität um, aber der Club blieb immer beim Cooper Square, irgendwo zwischen 4th Street und St. Mark’s Place.
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