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Byron Janis spielt Liszts Klavierkonzerte

06.06.11  | Attila Csampai
 
Wer kennt heute noch Byron Janis? Er war einer der faszinierendsten Virtuosen der mit herausragenden Talenten gut bestückten amerikanischen Klavierszene in den HiFi-verrückten Nachkriegsjahren: 1962 eroberte er sogar das rote Moskau.

Byron Janis spielt Liszts Klavierkonzerte
Byron Janis, Jahrgang 1928, aus Pennsylvania, Schüler des großen Josef Lhévinne, war ein frühreifes Genie, er spielte schon im Alter von 15 mit dem NBC Orchestra das 2.Klavierkonzert von Rachmaninow, und er war einer der ganz wenigen, die von Vladimir Horowitz, dem Klaviergott, damals unterrichtet und gefördert wurden. Und ebenso zählte er schon früh zu den ganz wenigen Auserwählten, die in die damals noch feindliche Sowjetunion reisen durften, um dort auch das Moskauer Publikum auf Anhieb zu begeistern: 1960 durfte er zum ersten Mal ins rote Reich Chruschtschows, und zwei Jahre später, im Juni 1962 reiste er sogar mit einem eigenen Aufnahmeteam (und mobilem Tonstudio) in die UdSSR und spielte dann gemeinsam mit den Moskauer Philharmonikern und Kirill Kondraschin u.a. das erste Klavierkonzert von Liszt, das dann vom amerikanischen Mercury-Team unter Tonmeister-Legende C. Robert Fine im Tschaikowsky-Saal des Konservatoriums live auf 35mm-Dreispur-Filmbänder aufgezeichnet wurde. Dieser legendäre, zwischenzeitlich immer wieder auch auf Vinyl wiederaufgelegte Mitschnitt einer unglaublich fesselnden, funkensprühenden Aufführung von fast weltpolitischer Dimension ist jetzt vom holländischen Sammler-Label Newton Classics in einer gut (wenn auch nicht überragend) klingenden CD-Version zum Liszt-Jahr 2011 wiederveröffentlicht worden. Eine lohnende Ausgrabung, die auch nach so langer Zeit nichts eingebüßt hat von ihrer artistischen Bravour, ihrer vulkanischen Aura.                                                                          

Schon nach den ersten Takten des energischen Soloeinstiegs ins Es-dur Konzert ist man gefessselt von der unglaublichen Präzision und Brillanz seines Spiel und man spürt Janis’ glühenden Gestaltungswillen, der ihn übrigens auch mit dem 14 Jahre älteren Kondraschin, damals schon Chefdirigent des führenden Moskauer Klangkörpers, verband. Die exzellente Klangqualität und die geradezu überfallartige Präsenz der frühen Stereo-Aufnahme, die jetzt gemeinsam mit dem zweiten Liszt-Konzert, ebenfalls in einem Mitschnitt aus Moskau, etwa die erste Hälfte der CD belegt, verdankt sich der damals weltweit führenden  3-Kanal-Aufnahmetechnik des Mercury-Labelchefs Robert C. Fine, der mit seinem eigenen Equipment in Moskau anreisen durfte: Das Foto des direkt vor der Basilius-Kathedrale parkenden Chevy-Trucks von Mercury Records ging damals um die ganze Welt. Man kann nur staunen über die interpretatorische Glut und den musikalischen Totaleinsatz aller Beteiligten, die uns noch nach so langer Zeit fesseln und den Atem rauben. Eine solche dämonische Eleganz und tollkühne Bravour, wie sie Byron Janis damals verkörperte, scheint heutigen Pianisten abhanden gekommen zu sein. Janis lebt noch, er ist 83 Jahre alt, musste sich aber infolge einer früh auftretenden Arthritis-Erkrankung schon in den 80er Jahren aus dem Konzertleben zurückziehen.

Sieben solistische Zugaben, die Janis damals ebenfalls in Moskau dem begeisterten russischen Publikum kredenzte, und die anschließend in den Staaten auf eine gesonderte LP gepresst wurden (und sich bestens verkauften), runden sehr eindrucksvoll das Bild des draufgängerischen amerikanischen Jungvirtuosen in jenen bewegten Zeiten ab, als der Ost-West-Konflikt auch künstlerisch die Grosswetterlage bestimmte. In der sechsten Ungarischen Rhapsodie, einem seiner Paradenummern, gelingt es Janis, sogar einen Lehrmeister Horowitz an roboterhafter Präzision und Tollkühnheit zu übertreffen.

Interpretation 90%
Editorischer Wert 90%

Byron Janis spielt Liszts Klavierkonzerte
Franz Liszt; Klavierkonzerte Nr.1 und Nr.2; Ungarische Rhapsodie Nr.6;
Valse oubliée Nr.1; Petrarca-Sonett Nr.104;
Robert Schumann : Romanze Fis-dur op.28 Nr.2; Novelette F-dur op.21 Nr.2;
Manuel de Falla : Des Müllers Tanz aus «Der Dreispitz»
Davud Guion: The Harmonica Player
Byron Janis, Klavier; Moskauer Philharmoniker, Kirill Kondraschin; Moskauer Rundfunk-Symphonieorchester, Gennadij
Roschdestwenskij.  (Aufnahmen: Juni 1962. Oktober 1961)
Newton Classics 8802058 (stereo)
TT: 63’28

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