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Alexandre Tharaud spielt Scarlatti

27.06.11  | Attila Csampai
 
Alexandre Tharaud ist ein moderner Historist: Er liebt barocke Klaviermusik,  aktualisiert sie aber auf einem modernen Yamaha-Flügel. Jetzt hat der 43-jährige Pariser den wundersamen, überquellenden Sonatenkosmos von Domenico Scarlatti entdeckt und 18 Stücke zu einer persönlichen Zeitreise geformt.

Alexandre Tharaud spielt Scarlatti
Er war einer der Pioniere der modernen Klaviermusik, ein echter Avantgardist spätbarocker Tastenmusik und zugleich ein seltsamer Fatalist, der uns noch immer Rätsel aufgibt: Domenico Scarlatti. Geboren 1685 in Neapel als Sohn des berühmten Opernkomponisten Alessandro Scarlatti komponierte er in seiner zweiten Lebenshälfte in der Abgeschiedenheit des spanischen Hofs in Madrid für seine fürstliche Gönnerin, die spätere Königin Maria Barbara, praktisch nur einsätzige Cembalostücke. Mit seinen knapp 600 Sonaten oder „essercizi“, wie er sie nannte, bereicherte er aber auf faszinierende Weise nicht nur das Repertoire seines Instruments, des Cembalos, sondern leistete mit dieser stilistisch und technisch weit vorausgreifenden Sammlung von experimentellen Charakterstücken auch einen entscheidenden Beitrag zum Grundkanon des modernen Fortepianos, das damals ja noch in den Kinderschuhen steckte. Schon Frédéric Chopin rühmte die stilistische Vielfalt und die „geistige Erhabenheit“ von Scarlattis geheimnisvollen Miniaturen, und seit den faszinierenden Interpretationen von Vladimir Horowitz und Clara Haskil in der Mitte des letzten Jahrhunderts gelten Scarlattis Sonaten als bedeutende Klaviermusik und als schier unerschöpfliche musikalische Fundgrube für moderne Steinway-Pianisten.

Auch Alexandre Tharaud erarbeitet seine historisch orientierten Wiederbelebungen von Cembalomusik des 17. und 18. Jahrhunderts auf modernen Konzertflügeln und konnte da bereits mit seinen früheren Alben mit Stücken von Rameau, Bach und Couperin große Erfolge und ein exzellentes Kritiker-Echo verbuchen. Jetzt also hat er aus Scarlattis Sonatenschatz 18 Stücke ausgewählt und sie ganz intuitiv in eine eigene, erzählerische Reihenfolge gebracht. Für den Einstieg wählte er eine weithin unbekannte f-moll-Sonate (K.239), die von Gitarrenklängen, vom Flamenco und von spanischem Rhythmen inspiriert scheint. Man hört hier sogar das Klappern der Kastagnetten und die scharfen, trockenen Begleitfiguren des Gitarristen – als hätte hier Scarlatti neben seiner ausschweifenden pianistischen Phantasie auch die exotische Pracht und Vielfalt der spanischen Musik und der „fremden“ iberischen Lebenskultur im geheimnisvollen Riesenmosaik seiner 600 „essercizi“ eingefangen.

Da Scarlatti selbst seinem überquellenden, und größtenteils erst postum bekannt gewordenen Sonatenkosmos keinerlei Systematik auferlegte, sondern ihnen nur die schlichte Funktion von „Übungsstücken“ und „sinnreichem Geplänkel“ zuwies, steht es jedem Interpreten frei, nach eigenem Gutdünken und Gusto sich seine Juwelen aus dieser riesigen Schatzkiste herauszupicken und sie dann frei assoziativ zu einer klingenden Erzählung zusammenzufügen – und so erklärt sich, dass fast jeder Pianist sein eigenes Bündel von Favoritstücken schnürt und man immer wieder auf ganz neue unbekannte Juwelen stößt, denn das Ausgangsmaterial ist unübersehbar und noch immer weitgehend unbekannt.

Auch in Tharauds Auswahl überwiegt das Unbekannte, das er aber so geschickt und feinfühlig nach dem Prinzip des Kontrasts und der „varietà“ anordnet, dass sich sofort phantastische Bilderwelten vor dem inneren Auge des Zuhörers auftun und dass man sofort eintaucht in die faszinierende Charaktervielfalt von Scarlattis bizarrer, sonnendurchfluteter, spanischer Phantasiewelt: Bereits im zweiten Stück des Albums, der völlig unbekannten A-dur-Sonate K.208, lauschen wir einem wunderbaren, ariosen Klagegesang, einer kleinen Opernszene. Das mag eine nostalgische Erinnerung des zum Sonatenschreiben verdammten Neapolitaners am spanischen Hof an sein früheres Leben als erfolgreicher Vokalkomponist und als große Opernhoffnung Italiens gewesen sein. In Alexandre Tharauds empfindsamer Deutung klingt es bereits wie ein Vorgriff Scarlattis auf die stillen Seelenqualen mozartischer Opernfiguren und es ist zugleich ein suggestives Plädoyer für die klangliche, die atmosphärische Überlegenheit eines modernen Konzertflügels gegenüber dem doch eingeschränkten Charisma eines historischen Cembalos, für das diese wunderbare Musik ja ursprünglich geschrieben wurde. Und in dieser atmosphärische Dichte, in dieser ausgeklügelten Überraschungsdramaturgie geht es dann 70 Minuten lang weiter, ohne eine Sekunde Langeweile, und am Ende war es nur ein schöner, aufregender, geträumter Augenblick.

Alexandre Tharaud ist ein intelligenter Magier, der begriffen hat, dass es heute nicht mehr ausreicht, bei so „alter“ Musik philologisch korrekt vorzugehen:
Man muss mit Feingefühl und Reflexion ihre „Seele“ wiederbeleben, ihren Zauber beschwören, ohne alle ihre Geheimnisse zu lüften. Das ist ihm hier wieder grandios geglückt. Es ist „sein“ Scarlatti, sein ganz eigener Reisebericht über die feurigen Rhythmen, das wilde Leben, die exotische Schönheit und die tiefe Melancholie seines Traumlandes Spanien.

Interpretation 95%
Editorischer Wert 95%

Domenico Scarlatti: 18 ausgewählte Sonaten
Alexandre  Tharaud, Klavier  (Yamaha CFIIIS)
(Aufnahme: La Chaux-de-Fonds, 30.8.-3.9.2010)
Virgin/EMI 50999664201603
TT: 70’45

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