Der globale Mahler-Hype reißt nicht ab. Gleich vier jüngere Dirigenten arbeiten an neuen Zyklen seiner Symphonien: Jonathan Nott, Manfred Honeck, Sakari Oramo und Gürzenich-Chef Markus Stenz. Er hat jetzt die apokalyptische „Auferstehungs“-Symphonie präzise ausgeleuchtet.
| Markus Stenz dirigiert Mahlers Zweite |
Das eschatologische, wirklich alle Grenzen sprengende innere Programm der Zweiten verschaffte ihr schon früh große Popularität und bot auch viel Raum für extreme Deutungsansätze: Im letzten Herbst etwa erschien ein erschütternder, beschwörend-leidenschaftlicher Londoner Konzertmitschnitt aus dem Jahr 1989 unter dem 1998 verstorbenen deutschen Mahler-Fanatiker Klaus Tennstedt, der das ungeheuerliche Seelenpotenzial dieser Jenseitsvision grandios ausschöpfte.
Von solchen subjektiv übersteigerten Leidensszenarien will der 46-jährige Markus Stenz, seit 2003 erfolgreich amtierender Chefdirigent des Kölner Gürzenich-Orchesters, nichts wissen. Er arbeitet seit zwei Jahren an einem neuen Mahler-Zyklus und er hat sich mit seinen sehr detailgenauen, auf Durchsichtigkeit, Präzision und ein hohes Maß an Objektivität ausgerichteten, jugendlich frischen und schlackenfreien Interpretationen der Symphonien V und IV schon weit vorne platzieren können in der aktuellen und zunehmend von jüngeren Dirigenten geprägten Mahler-Diskussion. Seine sehr zeitgemäß anmutende, strukturbetont objektive, zielgerichtete, den Formprozess fokussierende Lesart eines modernen „Klassikers“ prägt auch die neue in der Kölner Philharmonie aufgezeichnete Mehrkanal-Produktion der metaphysischen Zweiten, wobei Stenz auch hier peinlich darauf achtet, alles emotional Überbordende, alles Bedrohliche und Unheimliche auf dem festen Boden höchster Partiturgenauigkeit, und einer von Romantizismen befreiten klaren Sicht auf das Faktische, auf das, was genau in den Noten steht, abzusichern, und dem bizarren Geschehen innere Logik zu verleihen. Am besten gelingt ihm das im Kopfsatz, den er mit schönen fließenden Tempi und druckvollen Konturen polyphon auffächert, und ihm so ein ganz neues Profil objektiver Unerbittlichkeit und zwingender Materialität verleiht. Der theatralische Gestus subjektiver Erlebnissphären weicht hier sachlichen Zwängen, deren Logik noch unwiderruflicher scheint. Dieser unsentimentale, fast technokratische und realistische Grundzug der Interpretation verleiht dem dissoziativen Opus eine starke innere Klammer und eine asketisch-kompakte Gestalt. Da gibt es zwar auf Schritt und Tritt wunderbare Detaileinblicke in eine hochdifferenzierte Partitur, aber soviel emotionale Kontrolle fordert schließlich ihren Preis. Denn Mahlers große Liebes-Kehrtwendung am Ende kann da kaum ihre „erlösende“ Gegenwirkung entfalten und wirkt fast wie ein angehängter Opernschluss. Die wirkliche Rettung greift eben nur in höchster Not. Aber genau davon, von den zutiefst subjektiven Unwägbarkeiten, den seelischen Wunden und Existenzängsten, aber auch den magischen Kräften dieses „Auferstehungs-Dramas“ ist in dieser perfekt abgesicherten Aufführung zu wenig zu spüren.
| Interpretation | 85% |
| Editorischer Wert | 80% |
| Mahler: Symphonie Nr.2 c-moll („Auferstehungssymphonie“) |
|---|
| Christiane Oelze, Michaela Schuster, Kartäuserkantorei Köln, Bach-Verein Köln, Madrigalchor und Kammerchor der Hochschule Köln, Figuralchor Bonn, Gürzenich-Orchester Köln, Markus Stenz |
| Oehms Classics OC 647 (2 Hybrid-SACDs) |
| TT: 82’17 |














