Mozarts Klaviersonaten stehen bist heute im Schatten seiner Klavierkonzerte, die Alfred Einstein als „vollkommen“ pries. Die Sonaten dagegen gelten als spröde und leichtgewichtig. Jetzt hat der Südafrikaner Kristian Bezuidenhout ihre innere Dramatik auf dem Fortepiano wiederbelebt.
| Mozart Klaviersoloalbum Vol. 2 – Kristian Bezuidenhout, Fortepiano |
Nun hat der 31-jährige Wahl-Londoner, der sich in der überschaubaren Fortepiano-Szene in den letzten Jahren schnell nach vorne arbeiten konnte und zuletzt ein ähnlich erfrischendes Beethoven-Abum mit der Geigerin Viktoria Mullova herausbrachte, sein zweites Mozart-Soloalbum veröffentlicht, und da wiederum zwei gewichtige Sonaten mit drei hochwertigen Einzelstücken, den beiden Rondos in a-moll und D-dur und dem trostlosen h-moll-Adagio KV 540 zu einem eindringlichen Mozart-Plädoyer zusammengefügt, das die falsche Patina des allzu Gefälligen oder Harmlosen ein für allemal von diesen wunderbar pulsierenden, in allen Schattierungen funkelnden Diamanten abreißt, und zugleich auch sehr eindrucksvoll die Tauglichkeit des hier verwendeten historischen Hammerflügels, einer exzellenten modernen Kopie eines Anton Walter Fortepianos von 1802, unterstreicht. Denn dieses erstaunlich voluminös klingende, von Paul McNulty 2008 nachgebaute 5-Oktaven Instrument verfügt über einen Reichtum an Klangfarben, gegen den jeder moderne Konzertflügel wie ein graustichiges Monster tönt. Und Bezuidenhout nutzt diese Farbenpalette, um mit geschickter Agogik und atmenden, fliessenden Tempi die innere Vielstimmigkeit, die zutiefst menschlichen Kommunikationsstrukturen und die latente „Opernnähe“ von Mozarts Sonatensatz offen zu legen, so dass er auf der Klaviatur wirklich eine „kleine Theaterbühne“ errichtet, „über deren Tasten eine Reihe von dramatis personae huscht.“
So steht’s im klugen Booklet-Text und tatsächlich spürt man schon in der einleitenden C-dur-Sonate (KV 330) den jugendlichen Puls, die Aufbruchsstimmung, die Zärtlichkeit und das emotionale Feuer der benachbarten C-dur-Sphäre Konstanzes und Belmontes (in der zeitgleich entstandenen Wiener Oper „Die Entführung aus dem Serail“). Das ist eben viel mehr als nur ein munteres Spiel mit Floskeln, das sind idealisierte Opernszenen und der ständige Wechsel von Schatten und Licht. Und in der hochpathetischen, diskontunierlich-schroffen c-moll-Sonate (KV 457) aus dem Jahr 1784 gibt der 28jährige Mozart schon einen deutlichen Vorgeschmack auf die späteren emotionalen Ausbrüche Beethovens (etwa in seiner „Pathétique“).
Die beiden Ecksätze dieses unheimlichen Werks, ebenso die zärtliche Trauer des späteren a-moll-Rondos und die völlige Trostlosigkeit des mysteriösen h-moll-Adagios vollziehen in unmissverständlicher Weise Mozarts innere Abkehr von aller gefälligen Gebrauchsmusik und greifen weit voraus auf die Seelenabgründe der Romantik. Und Bezuidenhout versteht es, auch diesen schockierenden Einbruch von Gefühlstiefe und des wirklichen Lebens seinem wunderbaren, erstaunlich stabilen Instrument abzutrotzen: Paul McNulty versteht eben sein Handwerk und der Tonmeister offenbar auch. Nach diesem Wechselbädern schönster Klangfarbenspiele und feinster dynamischer Schattierungen willst du keinen Steinway mehr hören! Fazit: Ein aufregender, berückender Ausflug ins Museum der Leidenschaften, wo der neue Märchenprinz des Fortepianos endlich Mozarts Klavierwerk aus dem Dornröschenschlaf befreit.
| Interpretation | 95% |
| Editorischer Wert | 90% |
| Wolfgang Amadeus Mozart: Keyboard Music Vol. 2 |
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| Sonaten C-dur KV 330 und c-moll KV 457 Rondo a-moll KV 511 Rondo D-dur KV 485 Adagio h-moll KV 540 |
| Kristian Bezuidenhout, Fortepiano (McNulty 2008 nach Walter 1802) |
| Aufnahme: London 2010 |
| Harmonia mundi USA HMU 907498 |
| TT: 70’42 |












