Pristine Audio download thirty: Reiner Rarities Volume 2

24.06.2011 // Reinhold Martin

Während dank RCAs Living Stereo vor allem die letzten sieben aktiven Jahre Fritz Reiners am Pult seines Chicago Symphony Orchestra im Fokus heutiger Hörer stehen, also gerade einmal ein Sechstel seiner Dirigenten- und ein gutes Drittel seiner Aufnahmekarriere, umfasst dieser Download Mono-Aufnahmen des ungarischen Dirigenten zu Beginn der LP-Ära, einschließlich einer raren Stereoaufnahme von 1955.

Pristine Audio download thirty: Reiner Rarities Volume 2
Pristine Audio download thirty: Reiner Rarities Volume 2

Geboren 1888 als Frederik Martin Reiner hat er nach einem vom Vater erzwungenen Jurastudium an der Franz Liszt Akademie in Budapest Komposition und Klavier, unter anderem beim jungen Bela Bartok studiert, bevor er sich als Operndirigent in Budapest und Dresden – dort in enger Zusammenarbeit mit Richard Strauss – die Sporen verdiente. 1922 übersiedelte Reiner in die USA, wo er sich mit Ausnahme der späten vierziger und frühen fünfziger Jahre als Operndirigent an der Met, als vorzüglicher Orchestererzieher in Cincinatti, Pittsburg und schließlich in Chicago einen Namen machte. Wie nicht wenige seiner Generation, zwei weitere unrühmliche Beispiele waren Toscanini und Rodzinski, ebenfalls begnadete Orchestererzieher und brilliante Dirigenten, war der Umgang Fritz Reiners mit Orchestern autoritär, ja diktatorisch anmaßend. Schlagtechnisch unspektakulär im Stil eines Richard Strauss beherrschte Reiner die Kunst, selbst die komplizierteste Partitur schlüssig und bis ins kleinste zu strukturieren und farbstark erklingen zu lassen. Zahlreiche, von den RCA-Technikern zum Teil kongenial realisierte  Living Stereo Aufnahmen künden von dieser seiner ganz speziellen Kunst.

Auch das erst in den achtziger Jahren im originalen Stereoformat erschienene, ein Jahr vor der Aufnahme mit Reiner zum ersten Mal in Donaueschingen als Auftragswerk aufgeführte Liebermann-Konzert – ein frühes Beispiel von Crossover –  ist ein weiterer Beweis dafür, mit welch hoher Kompetenz und nicht zuletzt mit welchem Mut sich die RCA-Techniker quasi in der Stunde Null des Stereozeitalters ans Werk machten, mit relativ primitiver Mikrofontechnik und noch primitiverem Mischer einen komplexen Klangkörper transparent und glaubhaft auf Magnetband aufzuzeichnen: Der bestand immerhin aus einem ausgewachsenen Sinfonieorchester, dem CSO, und dem Sauter-Finegan Orchestra, einer Bigband, die sich vor allem in den Fünfzigern nicht zuletzt ob ihres Erfindungsreichtums in Sachen ungewöhnlicher Arrangements mit ungewöhnlichen Instrumenten einer großen Beliebtheit erfreute. Zwölftönendes vom Sinfonieorchester reibt sich relativ schmerzfrei an Schwungvollem von der Jazzband. Auch nahezu sechzig Jahre später ist dieser Liebermann im Konzertsaal und gar auf YouTube anzutreffen, wenn auch kaum eindrücklicher als in dieser Beinahe-Uraufführung unter der Stabführung des unerbittlichen Fritz Reiners, unter dessen schaurigen Blickattacken auch die nicht täglich unter der Fuchtel des Ungarn agierenden Jazzmusiker hörbar ihr Bestes geben.

Mozarts Musikalischer Spaß mit dem kammermusikalisch und äußerst präzise aufspielenden Toscanini-Orchester entfaltet unter dem unerbittlich taktierenden Fritz Reiner einen eher strengen Charme, der allerdings trotzdem oder gerade deshalb Luft für eine ordentliche Portion Spaß lässt. Klanglich bleibt auch unter heutigen Maßstäben kein Wunsch offen.

Marion Anderson war zu ihrer Zeit eine der wenigen schwarzen Opernsängerinnen, die Zugang zur Met hatte. Die von John F. Kennedy mit der Freiheitsmedaille ausgezeichnete Bürgerrechtskämpferin findet in der Altrhapsodie in Fritz Reiner einen Dirigenten, der ein brahmssches Drama allererster Güte entfacht, das von der ersten bis zur letzten Note gefangen nimmt und klanglich erste Sahne ist.

Klanglich erreicht Debussys Petite Suite nicht ganz das Niveau der anderen beiden Monoaufnahmen, zeigt jedoch durch die überraschend flexible, dem allzu Strengen fernen Gangart, die enorme Sympathie, die Reiner der Musik des Franzosen ähnlich einem Toscanini entgegenbrachte, dessen Orchester hier wiederum zum Einsatz kommt.

Zu seinem Remastering hat Mark Obert-Thorn folgenden Kommentar verfasst:
Ähnlich dem Volume 1 dieser Serie (PASC 235) bietet diese Ausgabe mit Reiner Raritäten Werke, die in mehr als einem Sinne rar sind. Zunächst handelt es sich hier um die einzigen Aufnahmen dieser Werke durch Fritz Reiner. Außerdem hat keines von ihnen jemals eine „offizielle“ kommerzielle CD-Wiederauflage durch RCA erfahren.

Das Werk von Mozart war ursprünglich mit seinem Divertimento No. 11, K.251 gekoppelt. Während das Divertimento durch Testament eine Wiederauflage auf CD erfahren hat, ist der „Musikalische Spaß“ bislang nicht berücksichtigt worden. Von Marian Andersons drei Aufnahmen der Altrhapsodie hat RCA lediglich die zweite (1945) mit Pierre Monteux auf CD herausgegeben, und nicht die vorliegende, klanglich überlegene letzte Aufnahme, die fünf Jahre später entstanden war. Das Werk von Debussy teilte sich ursprünglich eine LP-Seite mit Reiners NBC Studioaufnahme von Ravels Tombeau de Couperin. Während diese in der Reiner-Ausgabe der Artists/EMI Reihe „Great Conductors of the 20th Century‟ von IMG Artists/EMI eine Wiederauflage erfuhr, war ihre LP-Seitenpartnerin über ein halbes Jahrhundert lang nicht zugänglich (obwohl die Rundfunkaufführungen beider Werke, die den Aufnahmesitzungen vorausgingen, mehrmals auf CD erschienen sind).

Schließlich war das Werk von Liebermann, obwohl es ursprünglich in Stereo aufgezeichnet worden war, in dieser Form bis 1981 nicht auf LP erschienen. Erschienen war es hingegen 1955 auf einem Zweispur-Tonband, das denn auch als Vorlage für die aktuelle Überspielung diente. Sonderbarerweise erfuhr diese Aufnahme keine kommerzielle Wiederauflage auf CD durch RCA oder den Rechtsnachfolger Sony. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, dass Leonard Bernstein, ein vormaliger Dirigierschüler Reiners am Curtis Institute durch Liebermanns Partitur (einer auf einer Zwölftonreihe basierenden Abfolge von Tanzvariationen) inspiriert wurde, als er sich daran machte, die West Side Story zu komponieren, kurz nachdem diese Aufnahme veröffentlicht worden war.

Info
Pristine Classical Download thirty: Reiner Rarities Volume 2
MOZART Ein musikalischer Spaß K522
Daniel Guilet Solovioline
NBC Symphony Orchestra
Aufnahmedatum 1954
Aufnahmeort Manhattan Center, New York City 
Erstveröffentlichung RCA Victor LM-1952
BRAHMS Altrhapsodie Op. 53
Marian Anderson Alt
Robert Shaw Chorale of Men's Voices Robert Shaw
RCA Victor Symphony Orchestra
Aufnahmedatum 1950
Aufnahmeort Manhattan Center, New York City
Erstveröffentlichung RCA Victor LM-1146
DEBUSSY (Orch. Henri Busser) Petite Suite
NBC Symphony Orchestra
Aufnahmedatum 1952
Aufnahmeort Carnegie Hall, New York City
Erstveröffentlichung RCA Victor LM-1724
ROLF LIEBERMANN Konzert für Jazz Band und Sinfonieorchester
Sauter-Finegan Orchestra
Chicago Symphony Orchestra
Aufnahmedatum 1954
Aufnahmeort Orchestra Hall, Chicago
Erstveröffentlichung RCA Victor LM-1888
Original STEREO Aufnahme vom RCA Zweispurband ECS-3 (veröffentlicht 1955)
Dirigent: Fritz Reiner
TT: 67'20
PASC294
Download 16 und 24 Bit FLAC und als CD

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