Vor rund 20 Jahren, als noch von Jahrhundertsommern statt von Hitzedomen die Rede war, trieb mich erstmals die Frage um, ob es Tonabnehmersystemen schade, wenn sie oberhalb der üblichen Raumtemperatur benutzt werden. Damals gab Benz-Eigner Albert Lukaschek bereitwillig Auskunft, heuer befragte ich Ortofons ehemaligen Chefentwickler Leif Johannsen.
Heute kann man nur neidvoll an die Sommer vergangener Jahrzehnte zurückdenken, als es schon bemerkenswert war, wenn das Thermometer mehrere Tage lang mal mehr als 25 Grad anzeigte. Da hat man dann seine Freizeit wahrscheinlich lieber im Freien verbracht, als vor der heimischen Anlage zu sitzen, die das Wohnzimmer oder den Hörraum mit Röhren- oder Class-A-Endstufen weiter aufheizte. Die Flucht in die Natur war allerdings keine Alternative, wenn man sich beruflich mit dem Thema Hifi beschäftigt und Abgabe- oder Veröffentlichungstermine anstanden. Also hat man mit mehr oder weniger schlechtem Gewissen die Nadel des Tonabnehmers trotzdem in die Rille gesenkt.

Höhere Temperaturen wirken sich vor allem auf das Dämpfungssystem des Tonabnehmers mit seinem Gummi und dem Spanndraht aus: Das Gummi wird weicher und der Spanndraht, der ja nicht wirklich ein Draht sein muss, sondern auch ein Kunststofffaden sein kann, dehnt sich minimal aus. Der Abtaster wird sich also ein klein wenig anders verhalten als bei der durchschnittlichen Raumtemperatur. Albert Lukaschek führte damals aus, dass die „Tonzellen“ bei circa 23 Grad optimale Betriebsbedingungen vorfänden. Bei diesem Wert erreichten sie die angegebenen Spezifikationen. Drei Grad mehr oder weniger sollten sich kaum bemerkbar machen. Darüber hinaus veränderten sich jedoch die Dämpfungseigenschaften des Gummis merklich, was den Klang durchaus in Mitleidenschaft ziehe. Selbst Temperaturerhöhungen von über fünf Grad sollten keine Auswirkung auf die Funktion des Spanndrahtes haben, wenn dieser wie bei den Benz-Systemen aus Stahl gefertigt sei. Bei Tonabnehmern, bei denen an dieser Stelle etwa Anglerschnur zum Einsatz komme, sei schon eher mit Abweichungen vom idealen Verhalten zu rechnen. Aber ganz egal, ob der Tonabnehmer nun bei 26 oder erst bei 29 Grad klanglich zu schwächeln beginne: Außer dass der Musikgenuss vielleicht minimal getrübt werde, drohe keinerlei Ungemach. Der Betrieb des Systems jenseits seines Wohlfühlbereichs könne nicht zu bleibenden Schäden führen. Soweit der Erbauer der renommierten Benz-Tonabnehmer.

An diese Aussagen erinnerte ich mich kürzlich, als ich eine Reihe von Tonabnehmern im Kombination mit der Aavik-Phonostufe, der R-588 hörte: Die etwas höheren Temperaturen im Hörraum dürften den Abtastern also keinen Schaden zufügen, und die klanglichen Ergebnisse waren so überzeugend, dass ich mir keine Gedanken darüber machte, ob es bei einigen Grad weniger vielleicht noch ein ganz klein bisschen besser klingen könnte. Für das darauffolgende Wochenende aber hatte der Kollege Achim Schneider seinen Besuch angekündigt und es war absehbar, dass der Analogfan auch eine Reihe verschiedener Abtaster in meiner Kette würde hören wollen. Da schien es mir dann doch sicherer, eine zweite Meinung zum Thema Tonabnehmer und Temperatur einzuholen. Und wer wäre geeigneter, entsprechende Fragen zu beantworten, als Leif Johannsen, der ehemalige Chief Officer of Acoustics and Technology von Ortofon, der in den letzten Jahrzehnten für alle Tonabnehmer der Dänen verantwortlich zeichnete und auch einen beträchtlichen Anteil an der Entwicklung des neuen Nadelschliffs für das MC Vertex hatte. Ein Exemplar des neuen Topmodells ist übrigens gerade auf dem Weg nach Gröbenzell.

Auch Leif Johannsen sieht keine Gefahr für Tonabnehmer, die bei hohen Temperaturen benutzt werden. Selbst beim Betrieb bei 35 bis 40 Grad im Hörraum seien keine bleibenden Schäden zu erwarten. Dadurch, dass das Gummi weicher werde, ändere sich natürlich der Klang und zwar nicht zum Besseren. Auch wenn er bei seinen Experimenten nicht über 30 Grad hinausgegangen sei, halte er es für ausgeschlossen, dass man das System durch die Benutzung bei Hitze ruiniere. Vorsicht sei allerdings bei der Herstellung angebracht: Wenn das Gummi aufgrund der Umgebungsbedingungen in der Fertigung zu weich sei, würde die Gegenkraft durch den Spannfaden zu hoch eingestellt, um den Nadelträger in der Idealposition zu fixieren. Bei Normaltemperatur sei dieser dann zu wenig beweglich, die Abtastfähigkeit einfach zu gering. Deshalb werde bei Ortofon darauf geachtet, dass in den Produktionsräumen entsprechende Temperaturen herrschten, was natürlich auch der Konzentrationsfähigkeit der dort tätigen Spezialistinnen zugute käme. Selbstverständlich fänden auch die Messungen der fertigen Abtaster unter kontrollierten Klimabedingungen statt: Auf den Messschrieben sei auch die Temperatur während der Tests vermerkt. Sie haben also die Wahl: klanglich leicht eingeschränkter Musikgenuss von der LP selbst bei hochsommerlichen Temperaturen oder doch lieber der Aufenthalt im Biergarten, im Freibad oder auf Balkon oder Terrasse.
PS: Momentan könnte ich mich sogar für Class-D-Endstufen und Geräte mit hocheffektiven Schaltnetzteilen erwärmen…