tests/22-12-13_vtl
 

VTL IT-85

13.12.2022 // Carsten Bussler

In Erwartung des typischen EL34-Push-Pull-Sounds – kraftvoll, kontrolliert, allerdings bisweilen etwas uninspiriert – legte ich die erste Scheibe auf und war zunächst irritiert. Hing da doch noch einer der anderen bei mir herumstehenden Verstärker an den Lautsprechern, irgendeine Triode oder so? Natürlich nicht, aber das, was ich hier zu hören bekam, klang keinesfalls nach einer schnöden gegengekoppelten Pentode. Vielmehr zog sich ein dominantes Charakteristikum dieses Verstärkers wie ein roter Faden durch jedwedes Musikmaterial: Der VTL IT-85 ist völlig tiefenentspannt. Und zwar auf eine Art und Weise, dass er sich quasi „die Zeit nimmt“, die Musiker stets an die ihnen zugedachte Position zu setzen, von der sie sich dann auch keinen Millimeter mehr wegbewegen, sondern sie bleiben wie festzementiert auf ihren Plätzen. Das Klangbild wirkt dadurch nie unruhig, hektisch oder nervös. Zudem ist die Bühne in alle Richtungen stets sehr großzügig und, viel wichtiger, sie behält ihre Dimensionen konstant bei. Der Hintergrund ist in leisen Passagen oder Pausen schön schwarz. Keine Frage, der VTL schwingt hier das Zepter und hat alles voll unter Kontrolle, und wehe dem, der aus der Reihe tanzt!

Der Netztrafo links auf dem Bild hat die größtmögliche Distanz zu den Übertragern, welche durch ein Schirmblech vor etwaigen Störeinflüssen geschützt sind
Der Netztrafo links auf dem Bild hat die größtmögliche Distanz zu den Übertragern, welche durch ein Schirmblech vor etwaigen Störeinflüssen geschützt sind

Das vorgenannte Attribut „tiefenentspannt“ meint allerdings nicht, dass wir hier im Bummelzugtempo unterwegs wären. Wenn der VTL IT-85 mit dem richtigen Musikmaterial von der Kette gelassen wurde, dann gab es kein Halten mehr und er langte wieselflink und mit schon beängstigend brachialer Gewalt hin: Bei „All My Life“ von den Foo Fighters (One by One, RCA/Legacy, 2002) explodierte das Drumset von Taylor Hawkins förmlich, wenn er nach Pausen wieder einsetzte. Der Verstärker stellte seine Leistung sofort bereit, wenn sie gebraucht wurde und er gab dem Hörer das subjektive Gefühl, dass noch unendlich viel mehr Headroom in ihm schlummerte. Das alles passierte mit knackiger Kontrolle: Auch Tiefbässe kamen blitzsauber konturiert und im wörtlichen Sinne dabei tatsächlich tief. VTL setzt ganz offensichtlich hervorragende Übertrager ein, die schon ziemlich weit in den Frequenzkeller hinabsteigen. Eine kleine Schummelei ließ ich dem VTL übrigens gerne durchgehen: Im Oberbass war zwar noch kein Bäuchlein zu erkennen, sehr wohl aber eine leichte Betonung, die ich ihm gerne als Spielfreude durchgehen ließ. Insbesondere Live-Scheiben waren mit diesem Verstärker wirklich eine wahre Freude.

Die vier im Gegentaktbetrieb laufenden EL34 Pentoden von Electro Harmonix bieten versierten Tube-Rollern eine Spielwiese, um hier mit feinen New Old Stock Gläsern noch ein klangliches Quäntchen herauszukitzeln
Die vier im Gegentaktbetrieb laufenden EL34 Pentoden von Electro Harmonix bieten versierten Tube-Rollern eine Spielwiese, um hier mit feinen New Old Stock Gläsern noch ein klangliches Quäntchen herauszukitzeln

Wenn Musiker einen Verstärker bauen müssten, würden sie ihn wahrscheinlich so designen wie diesen VTL IT-85. Er schien auf eine gar nicht einmal euphonische Art und Weise klangtechnisch „gesoundet“ zu sein, wobei er mich nicht irgendwie einzulullen versuchte, sondern mich eher auf eine musikalische Reise mitriss. Dabei nahm er es mit den Klangfarben durchaus genau und malte stets mit korrekter Farbpalette. Vielmehr handelte es sich bei diesem charakteristischen „Sound“ um einen Effekt, den ich schon häufig bei guten Röhrenverstärkern beobachtet habe, nämlich dass die Musik irgendwie aus sich selbst heraus zu leuchten schien: Jede Note, jeder Ton war scheinbar mit einer kleinen Portion Extra-Energie aufgeladen, und zwar unabhängig vom Frequenzbereich. Das ganze musikalische Geschehen löste sich hervorragend vom Lautsprecher ab, so dass dieser vor meinem geistigen Auge verschwand und das völlige Eintauchen in die Musik erlaubte. Und das ist genau das bereits einleitend von mir erwähnte Phänomen: Nie zuvor habe ich einen EL34-Verstärker gehört, der zu solch einer emotional involvierenden Leistung fähig war.

Die beiden kleinen 12AU7 Doppeltrioden der Eingangsstufe (oben) sowie die vier 12AT7 Treiberröhren für die Endpentoden stammen allesamt von JJ. Röhrenfreaks werden kaum widerstehen können, hier noch immer gut erhältliche und klanglich überlegene NOS-Typen einzustöpseln, zum Beispiel von GE oder Siemens, um alles aus diesem Verstärker herauszuholen
Die beiden kleinen 12AU7 Doppeltrioden der Eingangsstufe (oben) sowie die vier 12AT7 Treiberröhren für die Endpentoden stammen allesamt von JJ. Röhrenfreaks werden kaum widerstehen können, hier noch immer gut erhältliche und klanglich überlegene NOS-Typen einzustöpseln, zum Beispiel von GE oder Siemens, um alles aus diesem Verstärker herauszuholen


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