tests/24-08-30_lessloss
 

LessLoss Firewall 640x

30.08.2024 // Carsten Bussler

So einfach ist meine HiFi-Kabelwelt also, und wer von Ihnen, liebe Leser, jetzt noch mit an Bord dieses Artikels ist: Hut ab vor Ihren Nehmerqualitäten! Aber es wird noch schlimmer: Es wird technisch. Als Maschinenbauingenieur hatte ich bereits im über ein Vierteljahrhundert zurückliegenden Studium meiner Erinnerung nach zwar stets Verständnisprobleme mit allem, wo man nicht mit dem Hammer draufhauen konnte. Sagten meine Professoren damals. Was mich aber nicht davon abhielt, trotzdem einen elektrotechnischen Schwerpunkt zu wählen. Von wegen Elektronen und mit dem Hammer draufhauen und so. Hauptamtlich bin ich heuer als freiberuflicher Projektleiter für eins der so genannten Deutschen Korridorprojekte für den weltweit größten Energiekabelhersteller unterwegs und als solcher verbuddele ich gerade einige hundert Kilometer Erdkabel quer durch Deutschland, die per Hochspannungsgleichstromübertragung bei 525 Kilovolt zwei Gigawatt Leistung pro Leitungssystem übertragen können. Das ist fortschrittlicher als die bislang üblichen 380 Kilovolt Hochspannungs-Freileitungen, die wohl jeder kennt und die aufgrund der niedrigen Netzfrequenz von 50 Hertz erst bei größeren Leitungsquerschnitten mit dem so genannten Skin-Effekt zu kämpfen haben. Auch wenn es hier nicht um klangliche Eigenschaften, sondern um die Minimierung von Übertragungsverlusten geht, ist der Effekt der gleiche: Dieser Stromverdrängungseffekt ist umso ausgeprägter, je hochfrequenter ein elektrischer Leiter von Wechselstrom durchflossen wird. In der Konsequenz ist die Stromdichte im Inneren eines Leiters dann niedriger als in den äußeren Bereichen. Dieses Phänomen wurde bereits 1883 erstmals von Horace Lamb für den Anwendungsfall einer Kugel beschrieben, 1885 dann von Oliver Heaviside für beliebige Formen. Kein wirklich neues Thema also.

Genau hier setzten die Designer von LessLoss Audio, Louis Motek und Vilmantas Duda, an. Dem Bekunden nach machte Louis Motek folgende Erfahrung, die gleichzeitig den Kern der Philosophie von LessLoss begründet (Zitat, von der englischsprachigen Webseite ins Deutsche übersetzt): „Jeder Audiophile weiß, dass zu bestimmten Zeiten, spät in der Nacht, gegen drei Uhr morgens, etwas mit der Stromversorgung in der Stadt, in der man lebt, passiert. Der Klang wird großartig. Es gibt keine Verzerrungen. Alles passt wie angegossen. Es ist eine Art Audio-Nirwana. Das kann man vielleicht zwei oder drei Mal im Jahr erleben, bestenfalls. Audiophile verbringen viel Zeit damit, sich an dieses Erlebnis zu erinnern, und noch mehr Zeit damit, zu versuchen (und zu scheitern), es zu reproduzieren. Das Erlebnis ist eindringlich und schwer fassbar. Es passiert nur spät in der Nacht und sehr selten. Das ist es, was ich verkaufe. Ich verkaufe diesen Sound um drei Uhr morgens, damit Sie ihn den ganzen Tag lang genießen können, jeden Tag.“

Ich wusste bisher nicht, was gegen drei Uhr in der Nacht mit der Stromversorgung passiert. Aber einen Audio-Nirwana-Sound durch ein kleines Stück Kabeltechnik realisieren zu wollen ist ein hehres Versprechen und klingt nicht gerade nach Understatement, aber gutes Marketing braucht eben eine gute Story. Offen gestanden habe ich diesen Drei-Uhr-Effekt aber selbst auch noch nie erfahren. Dieser hängt wohl auch sehr davon ab, ob ich auf dem Land, in einer Kleinstadt oder in einem großen Ballungszentrum lebe und Musik höre. Und zu welcher Uhrzeit. Oder ob ich womöglich sogar „autark“ höre, sprich, mein tagsüber von der Photovoltaikanlage gespeistes Akkupaket abends mit der HiFi-Anlage anzapfe oder den schnöden Nullachtfünfzehnstrom aus der vom öffentlichen Stromnetz gespeisten Steckdose nuckele. Im Kern scheint es LessLoss darum zu gehen, mit seiner Technologie die Strom- und Signalleitungen der HiFi-Kette von Elektrosmog und anderen umhervagabundierenden, immanenten oder induzierten elektronischen Schmutzsignalen zu befreien. Als hauptsächliche Bösewichte wurden unter anderem Alarmanlagen, Mobiltelefone, GPS-Navigationsgeräte, Bluetooth, WiFi oder Mikrowellengeräte identifiziert. Die Säuberung soll mithilfe des sonst eigentlich unerwünschten Skin-Effekts geschehen, hier wird er zum Verbündeten von LessLoss, indem man sich die„Entropic Process“. Wie genau, das wird nicht verraten. Man sollte seine Betriebsgeheimnisse und sein Knowhow natürlich auch nicht öffentlich herausposaunen, aber ich würde es wenigstens zum Patent anmelden. Jedenfalls kommt die Firewall 64X (nein, hier fehlt keine Null) genannte Filtertechnologie ohne passive Bauelemente wie Spulen, Kondensatoren oder Widerstände aus.

Die Filtereinheit, Firewall-Modul genannt, kommt ohne passive Elemente wie Spulen, Kondensatoren oder Widerstände aus, sondern basiert auf der Skin-Filtertechnologie „Firewall 64X“ von LessLoss
Die Filtereinheit, Firewall-Modul genannt, kommt ohne passive Elemente wie Spulen, Kondensatoren oder Widerstände aus, sondern basiert auf der Skin-Filtertechnologie „Firewall 64X“ von LessLoss

Die technische Umsetzung gelingt durch Verwendung hochreinen Kupfers, das nicht per herkömmlichem industriellen Extrusionsverfahren hergestellt wird, sondern per DMLS-Verfahren (das Direkte Metall-Laser-Sintern). Das Rohprodukt ist ein sehr weicher Kupferstab mit äußerst glatter Oberfläche, ohne poröse Strukturen. Wer noch mehr technische Details erfahren möchte, der steige gerne auf der diesbezüglich informativen Webseite von LessLoss ein. Für mich war spätestens der Verweis ebenda auf weitere Produkte am Ende der technischen Fahnenstange mit einer „Entropic Process“ genannten LessLoss Technologie zu starker Tobak, aber wie bereits oben erwähnt habe ich ja so meine Verständnisprobleme mit allem, wo man nicht mit dem Hammer draufhauen kann. Wie auf Elektronen zum Beispiel. Oder auf die Entropie, ein fundamentale physikalische Größe der Thermodynamik, deren konkrete Bedeutung nach meiner Überzeugung die allerwenigsten wirklich verstanden und vollkommen verinnerlicht haben dürften.


  • Scansonic HD M15.2

    Scansonic HD gehört seit 2013 wie die wohlbekannte dänische Edelschmiede Raidho zur Firmengruppe Dantax. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass in die Lautsprecherlinien von Scansonic immer auch die in der Entwicklung der High-End Lautsprecher von Raidho gewonnenen Erkenntnisse einfließen. Der Bändchenhochtöner der M-Serie kommt folglich nicht von ungefähr. Trotzdem spricht Scansonics M-Serie eine eigene, starke und wie ich finde sehr moderne Designsprache. Für eine Serie, bei der eine besonders attraktive Preisgestaltung eine große Rolle…
    15.05.2026
  • Chord Company ChordMusic Kabel

    Ich hatte schon einiges über die Kabel der englischen Chord Company gehört, aber bisher noch nicht das Vergnügen, eines davon in meiner Anlage zu hören. Deshalb war meine Vorfreude ausgesprochen groß, als ich den Auftrag erhielt, XLR-Verbindungen und Lautsprecherkabel der Top-Linie mit dem Namen ChordMusic einem ausführlichen Test zu unterziehen. Die Chord-Produkte werden seit 2017 von DREI H in Deutschland und Österreich vertrieben. Da ich in Hamburg lebe und der Vertrieb ebenfalls in der Hansestadt…
    13.05.2026
  • Wilson Benesch Prime Meridian System – an approximation

    I reviewed Wilson Benesch's first turntable in 1996, and the second two years later. Getting hold of the third for a review shouldn't have been a big deal, I thought. But it was – for several reasons: It's a really big thing, weighing over 350 kilograms, and the accompanying white paper is 138 pages long. The fact that the Prime Meridian system, if I remember correctly, is the most expensive product ever tested by hifistatement.net…
    11.05.2026
  • Harbeth Super HL5plus XD2

    Der HL5 ist das älteste Modell von Harbeth und gehört nach wie vor zum aktuellen Sortiment. Seine Geschichte reicht fast 50 Jahre zurück und begann 1977, als H.D. Harwood, ein ehemaliger BBC-Ingenieur, als Erster Polypropylen für die Membranen der Treiber einsetzte. Übrigens steht „HL“ für die Vornamen von Harwood und seiner Frau Elisabeth. Vom HL5 zum Super HL5plus XD2 Die originalen HL-Monitor-Modelle, vom Mk 1 bis zum Mk 4, wurden zwischen 1977 und 1988 hergestellt.…
    08.05.2026
  • iFi iDSD Phantom

    Der iDSD Phantom vereint Streamer, DAC und Kopfhörerverstärker in bester iFi-Manier zu einem Alleskönner. iFi erreicht damit die höchstmögliche Ausbaustufe von stationärem HiFi. Abgerundet wird das Paket von einem aufwendigen Gehäuse und sowohl einer Transistor- als auch einer Röhren-Ausgangsstufe. Gerade im mobilen Bereich hat iFi in der Vergangenheit viele Geräte entwickelt, die einen Vergleich mit dem berühmten Schweizer Allzwecktaschenmesser nicht im Geringsten scheuen müssen. Mit dem Phantom hält die – nahezu – unbegrenzte Vielfalt an…
    05.05.2026
  • Pro-Ject Flatten it

    Das Thema thermische Behandlung von Festplatten, Kabeln oder Schallplatten wurde in Hifistatement mehrfach ausführlich behandelt. Heute geht es um den Flatten it Schallplatten-Bügler von Pro-Ject, der dank seines attraktiven Preises ein Angebot für jedermann sein könnte. Dirk Sommer hat an dieser Stelle seit Jahren immer wieder über Kältebehandlungen zur Klangverbesserung explizit bei der Firma CoolTech berichtet. Das liest sich überzeugend, ist aber mit ein wenig Aufwand verbunden, der selbst manch eingefleischtem Audio-Freak zu lästig erscheint.…
    28.04.2026

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.