HIGH END 2026: Messerundgang mit Finn Corvin Gallowsky – Teil 3

12.06.2026 // Finn Corvin Gallowsky

Die High End des Jahres 2026 war für mich ein echter Kraftakt. Vielleicht war die direkte Anreise mittels Nightjet am Donnerstagmorgen und die Abreise am Sonntagabend auf gleiche Weise nicht die beste Idee. Sofern möglich, werde ich mir im nächsten Jahr zumindest vor der Messe ein paar Tage Wien gönnen.

Nachdem ich mich am zweiten Tag etwas an die Weitläufigkeit im Hauptgebäude des Austria Center Vienna gewöhnt hatte und die Orientierung langsam funktionierte, fing die Messe an, richtig Spaß zu machen. Obwohl sich am Samstag zusätzlich zu den Fachbesuchern auch alle anderen Besucher gesellten, kam es nirgendwo zu verstopften Gängen, längeren Wartezeiten und Gedränge. Und tatsächlich waren die Laufwege absolut gesehen gar nicht mal viel länger als noch in München. Zumal in vielen Stockwerken Sitzgelegenheiten vorhanden waren. Dies trug insgesamt zu einem deutlich stressfreieren Messeablauf bei. Diese Ansicht teilten auch alle anderen Beteiligten, mit denen ich mich über die Messemodalitäten unterhielt. Die Organisation des Messebetriebs ging überwiegend strukturiert und glatt über die Bühne. Besonders die Logistik wurde vielerorts von den Vertrieben gelobt. Ich bin gespannt, ob sich diese Meinung nach dem Abbau gehalten hat. Dass am Sonntag bereits kurz nach dem Messeschluss um 16 Uhr erste Sattelzüge einfuhren, während die zur U-Bahn strömenden Besucher mit Absperrpfosten und Ausziehgurt gelenkt wurden, zeugte zumindest von einer hocheffizienten Logistik.

Obgleich es mir wichtig war, zumindest alles auf der Messe gesehen, wenn auch nicht notwendigerweise dokumentiert zu haben, sind Kopfhörer dieses Jahr definitiv zu kurz gekommen und ich habe sehr viele spannende Premieren versäumt. Dennoch war die World of Headphones ein besonders gut besuchter Teilbereich der Messe. Gerade hier war auch jüngeres Publikum zu finden. Auf dem Rest der Messe meiner Meinung nach jedoch noch weniger als in München. Was ich dieses Jahr besonders stark wahrgenommen habe, war die Präsenz chinesischer Produzenten. Im HiFi-Bereich verhält es sich scheinbar ähnlich wie auf dem Rest des Tech-Sektors. Besonders stark ist die Präsenz im In-Ear-Bereich und generell dem erschwinglichen Preissegment. Die Preis sind für in Europa produzierende Unternehmen extrem kompetitiv.Abschließend ist die Ortsveränderung der Messe für mich ein Gewinn. Ich bin sehr gespannt, ob die High End Society Erhebungen dazu durchgeführt hat, wie viele deutsche Besucher sie beim Umzug „mitnehmen“ konnte und wie diese Zahl im Verhältnis zum Zugewinn österreichischer Besucher steht.

 

Den Anfang meines Messeberichts macht dieses Jahr Dirk Sommer mit einem Gastbeitrag zu AMR: „Schön, dass es auch auf dieser High End Überraschungen gab. Die größte davon waren für mich die neuen Komponenten von Abbingdon Music Research oder kurz AMR. Anfang der 2000er Jahre begründete die Firma mit dem CD-Player und dem Hybrid-Verstärker der 77er Serie ihre hervorragende Reputation. Ab 2012 standen bei den Entwicklungen dann jedoch die erschwinglichen, technisch hochwertigen und meist portablen Gerätschaften der Schwestermarke ifi audio im Vordergrund. Vor rund acht Jahren hat man dann begonnen, die Luna Series für AMR entwickelt. Die wurde jetzt in Wien der Öffentlichkeit präsentiert, aber nicht laut oder gar effekthascherisch: Nur wer sich vorab einen 20- respektive 40-minütigen Termin reserviert hatte, erhielt Zutritt zur HörKabine in einer der Hallen. Das hatten Roland Dietl und ich natürlich getan.

Die Luna Series ist ein reines Cost-No-Object-Projekt: Der Preis, den während der Präsentation noch niemand genau nennen konnte, für die drei Komponenten dürfte aber über 400.000 Dollar liegen. Dafür bekommt man den Luna Ingenii D/A-Wandler, den Luna Medii Vorverstärker und ein Paar Luna Procellarum Mono-Endstufen. DAC und Preamp werden jeweils von zwei großen externen Netzteilen gespeist. Jeder Mono-Block besteht aus zwei sehr voluminösen Gehäusen, von denen eines die Audio-Schaltungen und das zweite die Stromversorgung beherbergt. Die Verstärker sind in Kooperation mit John Curl entstanden, arbeiten auf FET-Basis, sind vollständig symmetrisch ausgelegt und werden von AMR als „echtes Vier-Quadranten-Design“ bezeichnet: „Die echte Vier-Quadranten-Architektur stammt aus hochkritischen technischen Umgebungen, wie sie bei CERN, der NASA und in den EUV-Plattformen von ASML zum Einsatz kommen. Alle vier Ausgangssektionen bleiben kontinuierlich aktiv und werden unabhängig voneinander geregelt, wodurch der Strom symmetrisch über die gesamte musikalische Wellenform verteilt wird… Vorwärtsantrieb und vom Lautsprecher zurückgeführte Energie (Back IMF) werden identisch behandelt.“ Dadurch soll verhindert werden, dass vom Lautsprecher in den Verstärker geleitete Energie die Stromversorgung der Endstufe beeinflusst. Der Procellarum leistet bis zu 800 Watt an acht Ohm und 1.400 Watt an vier Ohm im Class-AB-Betrieb. Ein Display zeigt an, wie groß der reine Class-A-Betrieb dabei ist und wie viel Leistung wirklich gebraucht wird. Per Fingertipp lässt sich der Class-A-Bereich bis auf die Maximalleistung von 100 Watt an acht Ohm steigern.

Während der Präsentation erschien überraschend Entwickler Colin Farch im Raum und beantwortete unsere Fragen – ein Glücksfall, wie WOD-Chef Werner Obst später anmerkte, da der sehr zurückhaltende Neuseeländer ansonsten den Kontakt zur Presse lieber meidet. Sein Luna Ingenii ist ein D/A-Wandler, bei dem die Signalaufbereitung mit 32 Bit erfolgt. Für die Wandlung stehen drei Verfahren zur Verfügung, da sich AMR bewusst ist, „dass die Wandlung selbst ästhetische Auswirkungen hat“. Daher hat man drei legendäre Wandlungstopologien integriert, die sich architektonisch voneinander unterscheiden:

  • den Philips TDA1541A mit Dynamic Element Matching – für eine romantisch-musikalische Wiedergabe;
  • den Analog Devices AD1862 (R2R) – für einen detailreichen, luftigen und dynamischen Klang;
  • sowie die DSD-Direct Stonehenge-Architektur – für einen kontinuierlichen musikalischen Fluss.“

Bei der Ausgangsstufe hat man die Wahl zwischen New-Old-Stock-Röhren des Typs 12AT7 und FETs. Insgesamt kommen sechs Röhren zum Einsatz. Der Vorverstärker Medii kommt dank einer patentierten Schaltung ohne Lautstärke-Regelungselement im Signalweg aus. Die Verstärkung übernehmen auch hier New-Old-Stock-Röhren. Ein Besonderheit ist auch die Stromversorgung, die nach dem Prinzip einer Luftschleuse arbeiten soll: Eine Kondensatorbank wird vom Netzteil geladen und dann davon getrennt, während sie ihre Energie an eine zweite Kondensatorbank abgibt. Während der erneuten Ladung ist dann die Verbindung zwischen den beiden Energiespeichern unterbrochen. Mehr technische Details gibt es dann, wenn eine – oder mehr – dieser einzigartigen Komponenten ihren Weg nach Gröbenzell finden sollte, was Werner Obst keinesfalls für unmöglich hält. Die Anzahl der verfügbaren Geräte ist übrigens limitiert: Vom Ingenii wird es 176 Einheiten geben, vom Medii 186 Einheiten und vom Procellarum 148 Einheiten.“

 

Das Setup von Acapella hat mich dieses Jahr vollumfänglich begeistert. Die für meine Verhältnisse extrem große, nach Acapella-Maßstäben wohl eher als mittelgroß bis klein zu bezeichnende La Campanella Alto 2 Mark II (67.000 Euro) harmonierte beeindruckend gut mit der akustisch schwierigen Hörkabine. Es herrschte nicht nur Präzision, hoher Detailgrad und Durchhörbarkeit, sondern es wurde schlicht und ergreifend auf höchstem Niveau absolut bruchlos musiziert – eine Fähigkeit, die vielen anderen High End Systemen nicht selten durch Fokus auf andere Superlative verloren geht. Sowohl der Clearaudio Statement als auch der MSB-DAC wurden auf Wunsch von Acapella mit goldenen Akzenten versehen – in dieser Form sind die Geräte Einzelstücke. Das in dieser Kette werkelnde Ferrum HYPSOS durfte seine rostrote Cortenstahlfarbe behalten. Als Streamer diente ein Pink Faun 2.16 Ultra. Im Hörraum spielten die inzwischen bekannten Acapella Monos. Die Stereoendstufe ist inzwischen auch so gut wie fertig. Sie hat lediglich noch nicht auf der Messe gespielt, da sie bisher noch keinen Langzeit-„Stresstest“ unterlaufen hat. Vom vollintegrierten Verstärker mit Hybrid-Röhrenvorstufe gab es bisher nur ein leeres Gehäuse zu bestaunen. Allerdings war dies so schwer wie andernorts der gesamte Verstärker. Es wird beim Gehäuse dermaßen viel Wert auf Resonanzoptimierung gelegt, dass eine dünnwandige Konstruktion keine Option ist. Da kein Schalter gefunden wurde, der haptisch zu überzeugen wusste, wurde eine eigene Schaltermechanik entwickelt. Sowohl Stereoendstufe als auch Endverstärker werden voraussichtlich etwa um die 90.000 Euro kosten.


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