Ein Besuch bei Kaiser Acoustics

24.10.2014 // Jürgen Saile

Weber hat aber noch ein anderes Gerät in der Hinterhand, das er uns verschmitzt präsentiert: sieht aus wie ein stinknormaler Vollverstärker, ist aber ein Class D Verstärker der japanischen Firma Spec, wie ich anschließend erfahre. Nee, denke ich unwillkürlich, aber wir sind ja schließlich Gäste. Als das Ding aber angeschlossen war und Musik spielte, war ich doch sehr überrascht. Nicht weit weg von der Thrax Kombi, oder anders gesagt, klingt zwar irgendwie anders, aber sehr gut. Interessant, der erste „grüne“ Verstärker, der auch Musik macht! Vielleicht sollte man sich das Gerät einmal näher anschauen.

Interview mit Rainer Weber:

Jürgen Saile: Wie kam es dazu, dass Kaiser auch Lautsprechersysteme anbietet?
Rainer Weber: Ich wollte eigentlich beruflich schon immer etwas mit Lautsprechern machen. Zunächst aber hatte ich an der Uni Physik studiert. Um aber am Schluss nicht in OHU oder irgendeinem anderen Kernkraftwerk zu landen, bin ich zur FH gewechselt und habe dort Elektrotechnik studiert. Mein Doktorvater hatte damals sehr viel in der Psychoakustik geforscht, letztlich wie der Mensch bestimmte Schallereignisse empfindet. Dieses Wissen war die Basis für meine spätere Tätigkeit bei Continental. Hier stand mir auch professionelles Equipment zur Verfügung wie beispielsweise ein Laser Vibrometer oder der Kunstkopf. Hier hatte ich auch angefangen, meine ersten Lautsprecherprojekte zu bauen, benötigte aber dazu eine geeignete Schreinerei. Über einen guten Tipp bin ich dann zu Kaiser gekommen; wir hatten uns von Anfang an prima verstanden und bauen nun seit 1998 zusammen Lautsprecher.

J.S.: Welcher Entwicklungsaufwand steht hinter dem größten Modell Classic?
R.W.: Etwa sieben Jahre, die ersten drei Jahre für Konzept und Architektur, hier wurde auch das Konzept für die Gehäusematerialien umgesetzt, anschließend dann noch Komponentenauswahl, Feinabstimmung und finale Weichenabstimmung.

J.S.: Wie lange dauert es, bis eine Classic fertig gestellt ist?
R.W.: Das hängt davon ab, welche Oberfläche der Kunde wünscht, bei einer ganz normalen Oberfläche ohne großen Lackieraufwand brauchen wir etwa sechs bis acht Wochen. Bei Pianolack brauchen wir zwischen 12 und 14 Wochen, das liegt daran, dass hier wesentlich mehr Schichten aufgetragen werden und der Pianolack auch längere Zeit zur Aushärtung benötigt.

J.S.: Das heißt aber auch, Sie stellen die Lautsprecher individuell her und nicht in 10-er Serien?
R.W.: Wir machen normalerweise 4-Serien, wobei wir die restlichen drei dann auf Lager halten. Pianolack schwarz haben wir immer auf Lager, weil manche Kunden nicht warten können und den Lautsprecher sofort haben wollen.

J.S.: Ihre Lautsprecher sind vom Frequenzgang etwas anders ausgelegt als sonst üblich. Können Sie etwas dazu sagen?
R.W.: Der Frequenzgang sieht anders aus und das hat einen ganz bestimmten Grund, der mit dem räumlichen Hören zu tun hat. Rechts und links ist ja relativ einfach, das ist im Prinzip Zeitversatz und Intensitätshören. Wenn das Signal aus der Mitte kommt, ist es naheliegend, dass die Signale am linken und am rechten Ohr gleich sind. Wie können wir aber das Empfinden vorne/hinten oder hoch/tief abbilden? Dies hat Prof. Jens Blauert von der Uni Bochum untersucht, die sogenannten Blauertschen Bänder. Unser Kopf, unsere Ohrmuscheln und der Torso sind richtungsempfindliche Filter, die den Frequenzgang leicht verändern, je nachdem, aus welcher Richtung der Schall kommt. Beispielsweise kann man die Stimmen ein bisschen nach oben ziehen, wenn man den Bereich zwischen fünf und acht Kilohertz etwas anhebt. Allerdings sollte man dabei berücksichtigen, ob man das im Direktschall oder im Diffusfeld vornimmt.

J.S.: Neben den Lautsprechern bietet Kaiser in Zusammenhang mit Vertex AQ auch Produkte unter dem Begriff Leadingedge an. Worum geht es hier?
R.W.: Per Zufall sind wir mit Steve Elford von Vertex AQ in Kontakt gekommen, dieser hatte uns nach dem Gespräch ein unscheinbares Kästchen geschickt, das wir einmal ausprobieren sollten. Das ging an dem externen Hochtöner der Vivace relativ einfach und hat plötzlich für wesentlich mehr Klarheit gesorgt. Elford hatte uns dann im Laufe der Zeit mehr in seine Technologie eingeweiht, die wir dann in unserer dreidimensionalen Weiche auch umgesetzt hatten. Schließlich haben wir beschlossen, etwas zusammen zu machen, weil wir gemerkt haben, dass wir ziemlich gute Synergien haben. So wurden dann gemeinsame Produkte unter der Bezeichnung Leading Edge geschaffen.

J.S.: Die Splinediffusoren haben ja eine sehr interessante, unregelmäßige Oberfläche. Wie kommt man dazu?
R.W.: Die Grundlage ist ein komplizierter mathematischer Algorithmus, der zu dieser zufälligen, dreidimensionalen Oberfläche führt.

Gott sei Dank nimmt uns Rainer Weber diese Arbeit ab, wer beschäftigt sich schon gerne mit Rechenmethoden, bei denen sich schon mancher Computer die Zähne ausgebissen hat? Die Zeit vergeht wie im Flug, wir müssen aber weiter Richtung Untergriesbach, hier steht nämlich die Schreinerei, und damit auch der Hauptsitz von Kaiser Acoustics. Nachdem wir Passau hinter uns gelassen haben, wird es sehr ländlich, langsam beschleicht mich das Gefühl, dass wir Deutschland wahrscheinlich schon längst verlassen haben. Schließlich geht es eine Serpentinenstraße bergauf und nach einer Weile sieht man schon von Ferne ein Gebäude mit der Aufschrift Kaiser. Nicht schlecht, denke ich mir: arbeiten, wo andere Leute Urlaub machen! Vor dem Gebäude angekommen hat man einen gigantischen Blick auf den bayerischen Wald.

An so einen Blick von meiner Arbeitsstätte könnte ich mich gewöhnen. Das Firmengebäude ist über vier Etagen an den Hang gebaut. Man gewinnt irgendwie den Eindruck: Hier ist die Welt noch in Ordnung
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