Um es nicht zu kompliziert zu machen: Die für Luca Chiomenti wichtigsten Erkenntnisse sind, dass das Ohr in seinem Inneren einen hohen Anteil an Harmonischen erzeuge und Ohr und Gehirn diese harmonischen Verzerrungen unterdrücke. In der Folge nähmen wir nur den reinen Klang wahr. Das gelte aber nicht nur für die vom Ohr selbst erzeugten Obertöne, sondern auch für andere harmonische Verzerrungen, wenn sie die gleiche Obertonverteilung aufwiesen. Bei einer anderen Verteilung der Harmonischen allerdings nehme das Gehör die Obertöne als unterschiedliche Töne und damit als störend wahr. Daher wirke ein Verstärker, der ein dem des menschlichen Ohr ähnelndes Verzerrungsspektrum erzeuge, sehr transparent und sauber, selbst wenn sein messbarer Wert für Totale Harmonische Verzerrungen (THD) relativ hoch sei. Das klassische Mittel, um diese Verzerrungen zu vermindern, sei die negative Rückkopplung. Doch leider reduziere sie die niedrigen harmonischen Verzerrungen viel stärker als die hohen Obertöne. Sie verzerre also das Verzerrungsspektrum, so dass es nicht mehr dem des menschlichen Ohrs entspreche. Deswegen vermeide Riviera Audio Laboratories Gegenkopplung so weit wie möglich, indem man auf Über-Alles-Gegenkopplung ganz verzichte und die lokale auf ein Minimum zu reduziere: Riviera-Verstärker würden nur für diejenigen Messungen optimiert, die eine echte Korrelation mit dem Hörerlebnis zeigten, ohne unnötige technische Virtuosität anzustreben.

Wem diese Zusammenfassung von Luca Chiomentis Ausführungen zu wenig detailreich erscheint, dem sei die ausführliche Version auf der Website von Riviera Audio Labs ans Herz gelegt. Dort nennt er auch die Punkte, auf die er bei der Entwicklung seiner Verstärker den höchsten Wert legte: Nach dem oben Dargestellten verwundert es nicht, dass die Optimierung – nicht Minimierung – der Amplituden- und Frequenzverzerrung oberste Priorität genießt. Luca Chiomenti betont, dass sich sein Vorgehen grundlegend von dem anderer Hersteller unterscheidet, die dem Signal künstlich erzeugte, als euphonisch geltende Verzerrungen hinzufügen. Ihm gehe es vielmehr darum, dass Restverzerrungen minimiert wurden und in ihrer Form denen des menschlichen Ohrs so nahe wie möglich kommen. Dass eine negative Gegenkopplung dabei keinesfalls hilfreich ist, hatte ich ja schon erwähnt. Um niedrige Verzerrungswerte zu erreichen, arbeiten alle Verstärkerstufen in den Riviera-Amps in Class A, da dies die Garantie für eine maximal mögliche Linearität sei. Darüber hinaus sei bei Leistungsverstärkern die Kombination von Röhren und MOSFets die beste Lösung, da die Triode in der Single-Ended-Konfiguration der beste Spannungsverstärker sei und eine Form der „natürlichen” Verzerrung biete, die der gewünschten sehr nahe komme. Insbesondere MOSFets seien die erste Wahl, wenn es um hohe Leistungen und niedrige Impedanzen gehe. Bei korrekter Ansteuerung zeigten sie ein ausgezeichnetes Verzerrungsverhalten.

Weitere Entwicklungsziele sind eine gute Open-Loop-Bandbreite, die absolute Stabilität bei jeder Last und ein angemessener Dämpfungsfaktor, den Luca Chiomenti mit Werten zwischen 15 und 30 – ähnlich wie bei sehr guten Röhrenverstärkern – beziffert. Des weiteren verzichtet er auf aktive Schutzschaltungen und widmet den Netzteilen besondere Aufmerksamkeit: In allen Riviera-Geräten gebe es immer mindestens zwei Trafos und fünf separate Stromversorgungen. Die für die Röhrensektion verfüge immer über π-Filter und sei stabilisiert. Bei der Stromversorgung von Endstufen und Vollverstärkern setze er ebenfalls auf π-Filter und viele kleine und schnelle Kondensatoren statt auf zwei große. Netztrafos und Line-Ein- und Ausgangsübertrager werden nach Luca Chiomentis Spezifikationen von Lundahl hergestellt oder in einem der Fertigungsstätte nahen Betrieb teils unter seiner Aufsicht gewickelt.
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