
Ein weiterer wesentlicher konstruktiver Vorteil ist der Verzicht auf Koppelkondensatoren zwischen Tonabnehmer und Eingangstransistoren und der damit einhergehenden frequenzabhängigen Kopplung. Stichwort symmetrischer Aufbau: Im Vergleich zur Aura besitzt die Aos keine vollsymmetrischen XLR-Anschlüsse und folgerichtig konnte hier auf eine invertierende Verstärkerstufe verzichtet werden, die für die Symmetrierung notwendig wäre. Interessant ist auch der eingesetzte Ringkerntransformator mit Mu-Metall-Abschirmung. Mu-Metall besitzt eine hohe magnetische Permeabilität und kann magnetische Streufelder wirksam abschirmen. Das ist besonders bei MC-Signalen mit Signalspannungen im Mikro- bis Millivolt-Bereich von hoher Bedeutung, zumal die durch den Class-A-Betrieb bedingte, mit 20 Watt relativ hohe Leistungsaufnahme für den hohen Ruhestrombedarf potenziell für kräftige Streufelder sorgen könnte.

Nun folgte auch im Hörraum die Kür. Was ich zu hören bekam, hat mich sofort begeistert und mir schnell gezeigt, dass es sich bei der Aos um waschechtes High-End handelt und nicht etwa um eine abgespeckte Rega Aura MC. Grundsätzlich schien mir die Britin wenig ausgeprägten Eigenklang zu haben, allerdings mit allen typischen Rega-Eigenschaften: Ein hohes Maß wohltuende Neutralität, schnelle, zackige Ansprache und hohe dynamische Ausprägung. Wieder „Überlin“ des Albums Collapse into now von R.E.M. (Warner Brothers, 2011) sowie „Man on the Moon“, „Everybody Hurts“ oder „Nightswimming“ (Automatic for the People, Warner Bros. Records, 1992): Feindynamische Diktion verband die Aos harmonisch mit grobdynamischer Spielweise, ohne jeden Haudrauf-Anflug. Die Rock-Ballade „Ride on“ von AC/DC (Dirty Deeds Done Dirt Cheap, Atlantic Records, 1976) löste die Aos fein auf mit subtilsten Nuancen von Beckenanschlägen oder dem Wischen der Finger über die Saiten einer E-Gitarre. Ausgewogene Klangfarben sind typisch für Rega, weder hell, kühl oder analytisch noch zu warm und heimelig, ein ausgewogener Mittelweg für langzeittaugliche Hörsessions. Das hohe Auflösungsvermögen stellte sie dabei voll in den Dienst der Musik: Die Aos ist keine kühle Analytikerin, aber alle Details sind da, wobei es aufgrund des musikalischen Flusses Mühe kostet, sich auf einzelne Töne oder Geräusche zu konzentrieren.
Der von mir verwendeten Tonabnehmer Ortofon MC X10 markiert gewiss nicht das Ende der Fahnenstange für diese Phonovorstufe, spielte aber auf einem Niveau, wie ich es zuvor selten erlebt habe. Vivaldis „Die vier Jahreszeiten“ (Yehudi Menuhin, His Master´s Voice, 1985) überzeugten durch eine spielerisch leichte, fast federnde und sehr lebendige Wiedergabe. Auch das Album Aion (4Ad, 1990) von Dead Can Dance mit Tracks im Renaissance-Stil mit gregorianischem Gesang und anderen traditionelleren Liedern mit altertümlichen Instrumenten wie Drehleier oder Dudelsack kam wieselflink, völlig schlackenfrei und vor allem schnell im Tiefton daher, nur in der untersten Oktave fehlte das letzte Quäntchen Schwärze.
© 2026 | HIFISTATEMENT | netmagazine | Alle Rechte vorbehalten | Impressum | Datenschutz
Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.