Lyric Ti 100

30.03.2015 // Jürgen Saile

Die Feedback Einstellung ist für den vier und acht Ohm Abgriff getrennt einstellbar, jeweils sind drei unterschiedliche Positionen möglich. Insgesamt gesehen bleibt die Gegenkopplung allerdings im homöopathischen Bereich
Die Feedback Einstellung ist für den vier und acht Ohm Abgriff getrennt einstellbar, jeweils sind drei unterschiedliche Positionen möglich. Insgesamt gesehen bleibt die Gegenkopplung allerdings im homöopathischen Bereich

Der optimale Arbeitspunkt der Endröhren kann über zwei Potentiometer und ein Zeigerinstrument von außen eingestellt werden. Diese negative BIAS-Spannung regelt den Stromfluss durch die Röhre. Die Einstellung ist hier wirklich kinderleicht und kann auch von Leuten durchgeführt werden, die für einen Glühbirnenwechsel eine Bedienungsanleitung benötigen. Geht sogar mit zitteriger Hand. Hier sollte man auch von Zeit zu Zeit nachsehen, ob noch alles im grünen Bereich ist. Schließlich altern die Röhren im Laufe der Zeit, und damit könnte sich der optimale Arbeitspunkt der KT150 verschoben haben.

Auf eine Umschaltmöglichkeit in den Triodenmodus hat der Chefentwickler Stefan Noll verzichtet, der Verstärker arbeitet in der von Alan Blumlein in den 30-er Jahren entwickelten Ultralinearschaltung. Also mit einem zusätzlichen Abgriff an der Primärwicklung des Transformators für das Schirmgitter der Röhre. Mit dieser Schaltungsvariante sollen die nichtlinearen Verzerrungen, die bei Tetroden und Pentoden auftreten können, vermindert werden.

So, nun wollen wir doch einmal sehen, wie sich das alles anhört. Als erstes habe ich das Mozart Requiem mit dem Orchestra of the 18th Century aufgelegt, dirigiert von dem im letzten Jahr verstorbenen Frans Brüggen. Nun ist Mozart ja eher für alles andere als Trauermusik bekannt, er hatte aber seinerzeit den Auftrag hierfür aus Geldnöten angenommen. Jedenfalls wurde diese Aufnahme live bei der Japantour 1998 des Orchesters mitgeschnitten. In den leiseren Chorpassagen kann man auch das Hüsteln einzelner Hörer vernehmen. Diese Einspielung hat nun nicht diesen schwermütigen, depressiven Charakter, den man sonst zu hören bekommt, sondern wirkt – auch durch die schnelleren Tempi – etwas leichtfüßiger.

Nach den ersten Takten bei diesem Werk merkt man gleich, wohin die Reise mit dem Ti 100 gehen wird, oder anders ausgedrückt, welche klanglichen Prämissen der Entwickler hat. In diesem Fall ist das Ziel wohl ein klarer unverfärbter Klang. Was wir uns ja irgendwie alle wünschen. Somit werden Chor und Orchester sehr transparent abgebildet, auch bei komplexeren Passagen wie in „Dies Irae“ bleibt die Abbildung felsenfest. Das liegt natürlich auch an der – für eine Single Ended Schaltung – relativ hohen Ausgangsleistung von zweimal 20 Watt. Nun kann eine klare, neutrale Wiedergabe schnell einmal dazu führen, dass das Ganze irgendwie frigide klingt, insbesondere bei Stimmwiedergabe. Das ist hier eindeutig nicht der Fall; wäre ja auch noch schöner im Zusammenhang mit einem Röhrenverstärker. Die Chorstimmen vermitteln einem das Gefühl, dass hier Menschen aus Fleisch und Blut am Werke sind. Auch die Raumakustik im Tokyo Metropolitan Theatre wird über den Lyric sehr schön abgebildet.

Szenenwechsel, beim ersten Titel der CD Continuo des Bassisten Avishai Cohen trennt sich schnell die Spreu vom Weizen. Der Kontrabass kommt über den Ti100 mit enormer Wucht, auch die tonalen Unterschiede zu dem auf der CD ebenfalls eingesetzten E-Bass sind sehr leicht zu hören. Der Verstärker räumt auch mit dem Vorurteil auf, über Röhrengeräte sei keine kontrollierte Basswiedergabe möglich. Manch ein Transistorfan wird sich wundern, mit welcher Präzision der Bass hier zu hören ist. Cohen versucht bei dieser Einspielung, eine Mischung aus westlicher und orientalischer Musik zu kreieren, ohne in das mittlerweile abgefahrene Klischee der Weltmusik zu verfallen.

Deshalb spielt der „Gitarrist“ hier auf einem Oud, einer arabischen Kurzhals-Laute, dessen tonale Feinheiten ebenfalls kein Problem für den Ti100 darstellen. Dies ist deshalb interessant, weil ich diese CD schon auf Anlagen gehört habe, wo der Unterschied zu einer Akustikgitarre nicht so deutlich auszumachen war. Auch dynamisch lässt der Verstärker nichts anbrennen, der Schlagzeuger langt stellenweise schon einmal richtig hin und das ist auch deutlich zu hören. Soweit dies eben mit einer Musikanlage möglich ist.

Lassen wir zum Schluss doch einmal Frankie Boy zu Wort kommen, aber nicht den, der nach Hollywood geht. Sondern den Ober-Mafioso Frank Sinatra, Live at the Sands. Man kann zu Sinatra nun stehen wie man will, aber singen konnte der Mann. Und auch Titel, die von der Intonation her schwierig waren. Unterstützt wird er hier von dem Altmeister des Swing, Count Basie und seiner Bigband. Dies war übrigens die erste Live-Einspielung von Sinatra, dafür hatte er sogar seine Zigaretten weggelegt.


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