oBravo HAMT-1

02.10.2015 // Dirk Sommer

Auch wenn der Test am iPhone vermuten lässt, dass der oBravo keine besonders hohen Anforderungen an den ihn speisenden Verstärker stellt, höre ich ihn zuerst einmal am Bryston BHA-1. Denn damit ist sichergestellt, dass er bestens mit Strom und Spannung versorgt wird. Der Bryston bezieht sein symmetrisches Signal vom Hugo TT, der über den Auralic Aries (Femto) auf die Dateien auf dem Melco HA-N1A zugreift. Beim Fototermin, bei dem wir die Gehäuse des oBravo aus Neugier sowieso öffnen, werde ich einmal nachschauen, mit welchen Einsätzen für die Bassabstimmung mein Testmodell ausgestattet ist und gegebenenfalls Änderungen vornehmen. Einen ersten Eindruck von den Fähigkeiten des HAMT-1 verschaffe ich mir aber schon zuvor – und zwar mit Muddy Waters „Good Morning Little School Girl“: Sofort fällt die Geschwindigkeit auf, mit der das Anreißen der Gitarrensaiten wiedergegeben wird. Muddy Waters Stimme kommt warm und sonor rüber, die Mitten besitzen eine angenehme Fülle. Die Auflösung ist ganz hervorragend und, da eine Menge Luft die Instrumente zu umgeben scheint, entsteht trotz der unvermeidlichen Im-Kopf-Ortung die Illusion von Luftigkeit und einem großen Aufnahmeraum.

Die Mechanik zur Anpassung an den Kopf des Hörers mag simpel wirken, sorgt aber für einen sehr angenehmen Sitz des oBravo
Die Mechanik zur Anpassung an den Kopf des Hörers mag simpel wirken, sorgt aber für einen sehr angenehmen Sitz des oBravo

Das mag natürlich auch am satten Bassfundament liegen, auf dem sich das ansonsten filigrane, aber farbstarke Klangbild aufbaut. Subsonische Frequenzen vermitteln uns ja eine Vorstellung von den Dimensionen größer Räume. Der kräftige Tieftonanteil ist zwar für diese Art von Information von Vorteil, führt allerdings auch dazu, dass Willie Dixons Kontrabass nicht ganz so präzise in der großzügigen Aufnahmeumgebung fokussiert wird wie beispielsweise über die Lautsprecher in meinem Hörraum. Mir, der ich ja schon über ein Jahrzehnt an die im Oberbass eher strengen als genussbetonten LumenWhite gewöhnt bin, ist der Tieftonbereich ein wenig viel des Guten. Wobei ich zugeben muss, dass mir bisher noch kein Kopfhörer untergekommen ist, der dem schlanken Klang der Lumen in meinem Raum nahekommt. Vielleicht sollte ich mein Bass-Ideal einfach einmal überdenken. Oder anders ausgedrückt: 99 Prozent aller unvoreingenommenen Hörer dürften den HAMT-1 gerade wegen seines satten Tieftonbereichs schätzen. Und davon bin ich um so mehr überzeugt, nachdem ich einmal in Jonas Hellborgs „Iron Dog“ aus dem Album „The Silent Life“ hineingehört habe: Trotz aller Fülle besitzt die Bassgitarre eine klare Kontur, der Nachhall im imaginären Raum ist feinstens nachzuverfolgen und das Metallische der Saiten ist jederzeit präsent. In puncto Lebendigkeit und Offenheit hat der HAMT-1 leichte Vorteile gegenüber dem ebenfalls geschlossenen Audeze EL-8.

Der Air-Motion-Transformer wurde im Zentrum des Tieftöner montiert
Der Air-Motion-Transformer wurde im Zentrum des Tieftöner montiert

Beim Fototermin entdecke ich dann, dass alle drei Öffnung der Basskammern mit den halboffenen Einsätzen bestückt sind. Ich versuche mich also als Bass-Asket und ersetze die halboffenen durch die geschlossenen Einsätze und bekomme eine in den Tiefen staubtrockene Abbildung, die ebenso klar rüberkommt wie meine Lautsprecher. So etwas habe ich bei einem Kopfhörer noch nicht erlebt: Es geht also auch ohne jegliche subjektiv empfundene Bassüberhöhung, die wie im Artikel über denn Phonitor 2 beschrieben ja nicht allein im Frequenzgang des Schallwandlers ihre Ursache hat, sondern auch darin, dass die Membran beim Kopfhörer – anders als beim Lautsprecher im Raum – direkt auf die Ohrmuschel ausgerichtet ist. Die Wirksamkeit der Bassanpassung beim oBravo ist wirklich enorm.

Drei, vier meiner Testscheiben höre ich dann mit freudigem Erstaunen darüber, nun doch einen hochauflösenden, präzisen Kopfhörer entdeckt zu haben, der in einer Extremeinstellung enorm ehrlich wirkt und dem ich gerne uneingeschränkte Monitoreigenschaften bescheinige, wenn es darum geht, dem Klang in meinem Hörraum möglichst nahezukommen. Aber spätestens nach der Hälfte von Van Morrisons Keep It Simple drängt sich mir die Frage auf, wie sich selbst bei recht gut gemachten Pop- und Rockproduktionen und eben nicht nur bei einigen audiophilen Kabinettsstückchen.


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