NAD M22 und C 275 BEE

30.05.2016 // Wolfgang Kemper

…wie dieser Class A Verstärkungs-Baustein
…wie dieser Class A Verstärkungs-Baustein

Mit welcher Endstufe beginne ich den Hörtest an meiner Quadral Platinum M 50? Mit sauberem analogen Aufbau oder modernem Digital-Knowhow? Arbeite ich mich sozusagen von unten nach oben, also von der preiswerten C 275 zur beinahe dreimal so teuren M22? Letztlich kann ich aber nicht anders und fange mit der technisch und wegen ihres Preises vielversprechenden M22 an. Schon sehr schnell stellt sich ein erstes herausragendes Teilergebnis für die M22 ein: Sofort wird die ausgedehnte räumliche Darstellung der Endstufe evident. Einen derartig großen Raum in Höhe, Breite und auch Tiefe habe ich bis dato in meinem Hörraum an diesen Lautsprechern noch nicht erlebt. Dabei fällt auch auf, dass selbst Ereignisse am Rand des Raumes, die sonst gern ein bisschen unscharf ausfallen, extrem deutlich und auch noch klar in der Tiefe gestaffelt wahrnehmbar sind. Deshalb greife ich relativ rasch zu komplexen Aufnahmen, wie der Carmina-Burana-CD von Telarc. Die wird zu einem Erlebnis, da ich mich regelrecht in den Aufnahmeraum hineingezogen fühle. Es kostet mich überhaupt keine Anstrengung, die Details dieser Aufnahmen zu verfolgen. Trotzdem bleibt das Klangbild homogen und zerfällt nicht in seine Einzelteile. Für Klassikhörer kann ich die NAD M22 also nachdrücklich empfehlen. Auch mit ihren feinen Dynamikabstufungen fesselt die Masters M22. Wie sieht es mit der Tonalität aus? Die Mitten und Höhen werden durch einen trockenen, federnden Bass untermauert. Diesen habe ich anfangs als etwas schlank empfunden. Das ist er aber nicht, denn wenn gefordert, kann der Bass auch in den tiefsten Lagen druckvoll zur Sache gehen. In meinem Setup mit der Quadral M50 Platinum klingt er an keiner Stelle zu üppig. Die M22 kontrolliert den Lautsprecher extrem gut. Dafür ist wohl der hohe Dämpfungsfaktor von über 800 verantwortlich. Deshalb wirkt das Klangbild insgesamt leicht schlanker als gewohnt. Dies bedeutet ganz und gar nicht, dass die M22 die Mitten oder Höhen zu vordergründig inszeniert. Ihre Fähigkeit zu außerordentlich durchsichtiger Darstellung mit ehrlichen Klangfarben ist begeisternd, öffnet besonders bei orchestralen Werken und anderer komplexer Musik akustische Türen und macht das Hineinhören ins Klanggeschehen zum Genuss.

Die M22 hat neben dem RCA- auch einen XLR- Eingang per Schalter zur Wahl. Sie besitzt Anschlüsse für ein Paar Lautsprecher. Über die Trigger-Buchse lässt sich ein Steuersignal beispielsweise vom Vorverstärker einspeisen. Der LED-Schalter dient zum Aktivieren des Automatik-Modus. Bei Endstufen eher selten ist der Erde-Anschluss links unten im Bild
Die M22 hat neben dem RCA- auch einen XLR- Eingang per Schalter zur Wahl. Sie besitzt Anschlüsse für ein Paar Lautsprecher. Über die Trigger-Buchse lässt sich ein Steuersignal beispielsweise vom Vorverstärker einspeisen. Der LED-Schalter dient zum Aktivieren des Automatik-Modus. Bei Endstufen eher selten ist der Erde-Anschluss links unten im Bild

Nach einer guten Woche mit der NAD M22 kommt dann die C275 BEE an deren Platz. Und wie erwartet klingt sie deutlich anders, nämlich eher so, wie ich es von meiner NAD 2200PE gewohnt bin. Dennoch verhält sie sich wie eine konsequente Weiterentwicklung dieser. Was fällt auf? Als erstes, dass der Raum in seinen Ausdehnungen in alle Richtungen ein gutes Stück kleiner wird als mit der M22. Das meint nicht, dass die C275 nicht räumlich klingt. Sie generiert einen glaubhaften Raum, aber alles wirkt eben ein bisschen weniger großzügig. Hätte ich die M22 zuvor nicht gehört, wäre mir dieser Aspekt aber nicht aufgefallen. Dafür bringt sie einen kleinen Schuss mehr Wärme mit ins Spiel, der insbesondere bei Stimmen sehr angenehm wirkt. Das fiel insbesondere bei Gregory Porter auf, den ich oft und gern nicht nur während der Tests höre. Auch wenn es hier eher um persönliche Vorlieben als um Qualitätsfragen, aber mir gefällt diese kleine Portion Wärme sehr gut. Feindynamisch reicht die C 275 nicht an die M22 heran. Dafür aber geht grobdynamisch dank ihrer konventionellen Machart hörbar mehr. Wie schon mit der alten 2200PE kann man es mit der verbesserten C275 richtig krachen lassen. Gegenüber dieser ist sie wegen ihrer besseren Feinzeichnung die Überlegene und lässt den Oldie auch in puncto Homogenität hinter sich.

Der akkurate Aufbau der Masters M22: Die Hypex-Module sind am oberen Gehäuserand zu sehen. Der ovale Taster auf der massiven Aluminium-Front am oberen Bildrand schaltet den Verstärker aus dem Standby-Modus in den Spielbetrieb oder umgekehrt, falls die Einschalt-Automatik nicht genutzt wird. Auch die M22 hat rückseitig einen harten Netzschalter
Der akkurate Aufbau der Masters M22: Die Hypex-Module sind am oberen Gehäuserand zu sehen. Der ovale Taster auf der massiven Aluminium-Front am oberen Bildrand schaltet den Verstärker aus dem Standby-Modus in den Spielbetrieb oder umgekehrt, falls die Einschalt-Automatik nicht genutzt wird. Auch die M22 hat rückseitig einen harten Netzschalter

Nun ist weithin bekannt, dass Endverstärker in einer elektrischen Wechselbeziehung zu den mit ihnen verbundenen Lautsprechern stehen, was bedeuten kann, dass deren jeweiliger Charakter an anderen Schallwandlern nicht genau so ausgeprägt in Erscheinung tritt. Deshalb baute ich nach dem ausführlichen Test an der Quadral Platinum M 50 die beiden Kandidaten in eine Kette mit den Vollbereich-Bändchen Epsilon von Analysis Audio ein. Dieser Lautsprecher stellt zwar elektrisch keine besonderen Anforderungen an die Endstufen, ist aber aufgrund seines besonderen akustischen Verhaltens als Dipol-Strahler sehr geeignet, die an den Quadral gewonnenen Erkenntnisse zu hinterfragen. So zeigt sich auch sehr schnell, dass die Lautsprecher im Zusammenspiel mit den Endstufen den bisherigen Eindruck relativieren, auch wenn grundsätzlich das Zusammenspiel mit den Epsilon nichts an den klanglichen Unterschieden zwischen den beiden NADs ändert. Nur hier hat die Masters M22 ganz klar die Nase vorn. Mag der intensivere Grundtonbereich der C 275 BEE ihr beispielsweise bei Stimmen einen kleinen Bonus einbringen, so ist nach dem Wechsel zur M22 unbestreitbar, wer hier der geeignetere Partner ist. Hätte ich mich an der Quadral nicht nur wegen des Preises sondern wegen der passenderen Tonalität insgesamt für die C 275 entschieden und das Gesparte eventuell in ein zweites Exemplar für Bi-Amping investiert, komme ich an den Analysis Audio um die M22 einfach nicht herum. Sie klingt tonal stimmiger, ganz gleich mit welcher Art von Musik sie es zu tun bekommt. Dass sie räumlich gegenüber der C 275 noch eins drauflegt, ist hier ebenfalls unüberhörbar und ja schon bekannt.


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