tests/19-08-06_vision
 

Vision Ears Erlkönig

06.08.2019 // Jürgen Saile

Die Erwartungen an die Wiedergabe des Erlkönigs sind enorm, schließlich soll dies ja ein State of the Art Produkt sein. Fangen wir erst einmal in der unteren Schublade an, zumindest, was das Datenformat anbelangt. Eine Aufnahme im AAC-Format, Massive Attac: „Safe From Harm“. Das Bassriff haben sie von Billy Cobhams „Stratus“ geklaut, beziehungsweise den Bass von Leland Sklar gesampled. Dennoch ist eine sehr interessante Interpretation entstanden. Mit dem Erlkönig wird sofort klar, dass es sich hierbei um keine hochauflösende Aufnahme handelt, trotzdem wird das Ganze nicht zerschreddert und einem der Spaß an der Musik genommen. Etwas anderes ist ebenfalls schnell zu hören, nämlich die ganzen Tricks, die bei diesem Projekt angewendet wurden. Die Stimme von Shara Nelson wurde ja regulär aufgenommen und nachträglich dazu gemischt. Unterschiedliche Räume, künstlicher Hall, mit dem iPhone merkt man von alldem nichts. So hatte ich das vorher noch nie gehört. Das Bassriff kommt mit enormen Druck, so wie es sich gehört. Sonst ist das kalter Kaffee. Generell ist die Dynamik mit diesem System – und einem geeigneten DAP – hervorragend und das macht sich natürlich nicht nur bei Massive Attac bemerkbar. Freunde der elektronischen Dance Music hätten hier aber ihre helle Freude.

Mit einem Schraubendreher lassen sich unterschiedliche Klangcharakteristiken einstellen. Der Drehschalter verschwindet dann unter der Kopfplatte
Mit einem Schraubendreher lassen sich unterschiedliche Klangcharakteristiken einstellen. Der Drehschalter verschwindet dann unter der Kopfplatte

Nun funktioniert das natürlich nicht nur bei Elektronischer Musik. Eine Beethoven-Einspielung mit den Wiener Philharmonikern wird unter anderem auf diese Weise zum Erlebnis. Dazu kommt noch, dass hier die Tonalität der Streicher hervorragend natürlich wiedergegeben wird. Große Streicherbesetzungen waren schon immer ein Thema bei der Wiedergabe über eine Hifi Anlage, meistens leider kein gutes. Hier fällt aber noch etwas anderes auf, der Klang des Orchesters ist irgendwie anders. Es ist ja bekannt, dass die Wiener ein anderes Klangideal verfolgen und teilweise auch anders konstruierte Instrumente benutzen. Die F-Hörner fallen mir da spontan ein, in Musikerkreisen wegen der schwierigen Treffsicherheit in hohen Lagen auch Glücksspirale genannt. Auch wenn man das Originalorchester noch nie live gehört hat, so fällt einem mit dem Erlkönig die Besonderheit des Wiener Streicherklangs sofort auf. Mit anderen Abspielsystemen wird der Orchesterklang viel weniger differenziert und alles wirkt viel einheitlicher. Ob Wiener oder Berliner, kein großer Unterschied mehr. Nur tonal gesehen. Streicher in hohen Lagen können einem bei schlechter Wiedergabe ziemlich auf die Nerven gehen, insbesondere bei Barockorchestern. Auch diese Hürde nimmt der Erlkönig mit links. Wie sieht es nun mit Gesang aus? Die Stimme von Montserrat Figueras beispielsweise, wird sehr fein und artikuliert wiedergegeben, zudem besteht die Dame aus Fleisch und Blut. Was ja sonst bei Sopranstimmen sehr schnell ins anämische abgleiten kann. Dabei fällt noch etwas anderes auf, nämlich die enorme Vielfalt an Klangfarben, wie ich sie sonst nur kenne, wenn Röhrenverstärker ihre Finger im Spiel haben. Das spricht nun nicht nur für den VE, sondern auch eindeutig für den Hugo 2.

Im Gegensatz dazu kommt die kraftvolle Stimme einer Rock-Röhre wie Beth Hart mit Urgewalt rüber. Auch hier reagiert der Erlkönig nicht beleidigt, sondern macht das, was man von ihm erwartet. Ein Spektakel! Insgesamt werden die Töne etwas voller dargestellt. Oder anders ausgedrückt, dem Grundtonbereich wird die Wertigkeit zugewiesen, die ihm eigentlich zusteht. Das macht sich nicht nur bei Stimmen, sondern auch bei einem Konzertflügel sehr positiv bemerkbar, der hier auch in einer räumlich vernünftigen Größe dargestellt wird. Das Ganze wirkt nicht wie bei einem Puppentheater. Bei den alten Aufnahmen der Woody Herman Bigband sind die Musiker sehr flach abgebildet, hier schafft der Erlkönig – zumindest partiell – Abhilfe. Und obendrein fetzt die Band los, dass es eine wahre Freude ist.

Bei Wiedergabe des DSD-Formats werden die zusätzlichen Feinheiten deutlich wiedergegeben. Bei Aussagen wie: Hier höre ich Details, die ich vorher noch nie gehört habe, fühle ich mich immer etwas unwohl. Deshalb sagen wir lieber: Akustische Instrumente klingen einfach noch natürlicher. Trotzdem fehlt mir bei Dateien im wav-Format nichts Entscheidendes. Das System bietet hohe Auflösung, aber ohne dass die Musik dünn und anämisch wird. Auflösung ist ja auch ein Begriff, der primär in der Hifi-Szene existiert. Wenn nun ein Gitarrist vor einem sitzt und spielt, kommt keiner auf die Idee, über Auflösung nachzudenken. Die ist einfach da. Ähnlich ist es beim Erlkönig, man konzentriert sich mehr auf die Musik. Die Noten haben Volumen und Gewicht, was der Präsentation einen unglaublichen Realismus verleiht.


  • Matrix Audio mini-i Pro 4

    “Die Matrix ist allgegenwärtig, sie umgibt uns. Selbst hier ist sie, in diesem Zimmer.” Lange habe ich darauf gewartet, einen Testbericht mit einem passenden Filmzitat zu eröffnen. Ähnlich lange habe ich mich auf den Test eines Produkts aus dem Hause Matrix Audio gefreut. Mit dem mini-i Pro 4 ist es endlich so weit. Der Name Matrix Audio beruft sich eigentlich auf das gleichnamige mathematische Konzept, aber bei der Namensverwandtschaft zu dem stilprägenden Film kam ich…
    21.07.2026
  • Børresen Acoustics T5 SSE – das Interview

    Während meines letzten Besuchs der Audio Group Denmark in Aalborg hatte ich am Tag nach der Präsentation der Børresen M8 und der Aavik M-880 Gelegenheit, mit dem Entwickler der T5 SSE über sein Produkt zu sprechen. Wenn Sie im ersten Teil technische Details vermisst haben sollten: Hier finden Sie sie in Hülle und Fülle. Dirk Sommer: Nun zu etwas ganz anderem, den T5. Was ist anders im Vergleich zum 05? Ich muss zugeben, dass ich…
    17.07.2026
  • Børresen Acoustics T5 Silver Supreme Edition

    Einerseits war ich mit der Børresen 05 Silver Supreme Edition in meinem Hörraum wunschlos glücklich, andererseits begeisterte mich das Nachfolgemodell, die T5 SSE, schon bei ihrer Vorstellung damals noch in München allein durch ihr Erscheinungsbild: Die schwarze Hochglanzlackierung mit Karbonfaser-Applikationen wirkte einfach unheimlich elegant. Aber natürlich geht es mir bei Lautsprechern nicht vorrangig um die Optik. Dass die Børresen 05 SSE solange bei mir zu Gast war und ich mich schon auf die T5 SSE…
    14.07.2026
  • Qln – das Interview

    Roland Dietl: Welche Antriebstechnik verwendest Du bevorzugt bei Tief-Mitteltönern? Mats Andersen: Ich bevorzuge eine unterhängende Schwingspulenanordnung. Bei Standard-Treibern hat man eine Schwingspule, die etwa 20 bis 40 Millimeter lang ist, und dann einen Magnetspalt von etwa 5 bis 6 Millimetern. Wenn sich die Schwingspule bewegt, ändern sich die Induktivität und auch die Magnetkraft. Bei unserem Treiber beträgt der Magnetspalt dagegen 20 Millimeter und die Schwingspule ist 11 Millimeter lang. Die Schwingspule bleibt dadurch permanent vollständig…
    07.07.2026
  • SOtM sMS-2000 – ein weiterer Nachtrag

    Endlich ist es soweit: Der SOtM sMS-2000 spielt in der gewünschten Konfiguration: In der Eunhasu-App habe ich teils auf Roland Dietls Rat hin alle klangfördernden Einstellungen vorgenommen, Ethernet- und USB-Karte werden von externen Netzteilen gespeist, die 10-Megahertz-Clock gibt den Takt vor und die Daten kommen von einer kryo-behandelten SSD. Vor rund zweieinhalb Monaten berichtete ich darüber, dass der SOtM sMS-2000 der einzige von mir getestete Streamer ist, bei dem auf einer internen Festplatte gespeicherte Musik-Files…
    03.07.2026
  • Keces Euphony

    Die taiwanesische Marke Keces ist inzwischen nicht allein wegen ihres Portfolios exzellenter Analog-Netzteile bekannt und angesehen. Für die neue Phonostufe und den neuen Switch aus der Essential Serie bekam Keces unlängst ebenfalls viel Applaus. Jetzt steht der brandneue Streaming-DAC Essential Euphony zum Test bereit. Als Dirk Sommer unlängst die Keces Phono-Stufe Ephono+ und den Ewave Switch beschrieb, gefielen mir diese Geräte auch wegen ihrer sinnvollen und beim Ewave sogar sehr fortschrittlichen Ausstattung, nämlich den zu-…
    30.06.2026

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.