tests/25-11-28_canor
 

Canor Virtus A3

28.11.2025 // Wolfgang Kemper

Zur diesjährigen HighEnd stellte Canor den Virtus A3 Hybrid-Vollverstärker vor. Der lockt mit einem integrierten Digital-Analog-Wandler und einer diskret aufgebauten Phono-Vorstufe für MM- und MC-Tonabnehmer. Sowohl seine Technik als auch die Ausstattung bieten Ungewöhnliches. Vor allem aber soll er klanglich beeindrucken.

Das slowakische Entwickler-Team konnte mich bereits vor einem Jahr überzeugen: Der Vollverstärker Virtus I2 aus der Premium Line musizierte in meinem Hörraum wie keiner zuvor in dieser Preisklasse. Der war ein gestandener Röhren-Vollverstärker. Auch im Virtus A3, für dessen Entwicklung man sich viel Zeit genommen hat – irgendwo las ich etwas von drei Jahren –, spielen Röhren eine Rolle. Denn zwei E88CC Doppeltrioden, die elitäre Version einer ECC88, verleihen dem A3 bereits in der symmetrisch aufgebauten Eingangsstufe ihren Anteil an seiner Musikalität, wie sich auch im Hörtest zeigen wird. Wie gut der A3 klingt, merkte ich bereits bei den ersten Takten an meiner Phonar P9.2SE und erst recht an den Epsylon Vollbereichsbändchen, an denen manch Mitbewerber sich eher langweilig gibt. Sagt Ihnen der Name John Westlake etwas? Er ist ein erfahrener Audio-Designer mit britisch-slowakischen Wurzeln und für die Entwicklung des Virtus A3 verantwortlich. John Westlake steht für viele meist digitale Designs, die er im Laufe seiner Kariere bei Firmen wie Pink Triangle, Cambridge Audio, Quad und Warwick Acoustics schuf. Seine jüngeren Kreationen für Peachtree Audio, Audio Lab, Creek oder Pro-Ject erhielten mehrfach Auszeichnungen wie den Diapason d'Or.

Die solide Verarbeitung ist typisch für Canor. Die geregelten, superleisen Ventilatoren befinden sich den Kühlschlitzen gegenüber über dem Bodenblech
Die solide Verarbeitung ist typisch für Canor. Die geregelten, superleisen Ventilatoren befinden sich den Kühlschlitzen gegenüber über dem Bodenblech

John Westlakes Begeisterung für das Endverstärker-Konzept der legendären Quad 405 Endstufe veranlasste ihn, deren Current-Dumping Technologie in den Virtus A3 einfließen zu lassen. Hier kombiniert er je Kanal eine leistungsschwache Class-A Endstufe, die den Lautsprecher kontrolliert, mit einem Schaltnetzteil-A/B-Endverstärker. Der isoliert den Class-A Verstärker von den Lautsprecherlastströmen und liefert den Strom für die zweimal 100 Watt an acht Ohm. Entscheidend ist: Auf diese Weise gibt es keinen unliebsamen Übergang zwischen Class-A und Class-A/B Betriebsmodus. Dieses Prinzip soll für die angestrebte hohe Musikalität des Virtus A3 sorgen, ist jedoch verlustwärme-intensiv. Es bedarf besonderer Kühlung, die per mit Flüssigkeit gefüllten Heat-Pipes und groß dimensionierten Kühlkörpern erfolgt. Je Kanal sorgt zudem thermisch sensibel geregelte Ventilator für Luftzirkulation von unten. Hätte ich diese nicht auf den Fotos gesehen, wären mir die beiden Ventilatoren akustisch gar nicht aufgefallen. Wenn sie aktiv werden, dann so geräuscharm, dass sie nicht stören. Der Virtus A3 ist von den analogen oder digitalen Eingängen bis zu den Lautsprecheranschlüssen mit unabhängigen, mehrstufigen geregelten Netzteilen doppelt Mono aufgebaut. Die Stromversorgung liefert ein großer Ringkerntrafo, der sich unterhalb der Netzteil-Elektronik befindet. Die gesamte Schaltung des A3 braucht weder Op-Amps noch Koppelkondensatoren im Signalweg. Die Lautstärke wird über Chips in 99 Dezibel-Schritten gesteuert und im Piktogramm groß angezeigt. Die beiden Röhren in der Vorstufe stecken, wie auch damals beim luxuriösen Virtus I2, in blauen MU-Metall-Gehäusen, die nicht nur abschirmen, sondern auch der Resonanzunterdrückung dienen. Die Kapselung kann man leicht abnehmen, falls man diese Röhren einmal tauschen möchte. Der USB-Eingang ist galvanisch entkoppelt und mit einer HF-Filterung ausgestattet. Das USB-Signal wird zudem mittels eines Referenztaktgeber mit sehr niedrigem Phasenrauschen neu synchronisiert, um den Jitter zu minimieren. Zwei doppelt Mono geschaltete ESS 9038 Wandlerchips werden von vibrationsisolierten Oszillatoren mit niedrigem Phasenrauschen getaktet. Zu diesen technischen Besonderheiten gesellen sich außergewöhnliche Bedienungs-Features: Auf der Front befinden sich zwei Kopfhöreranschlüsse: eine vierpolige symmetrische XLR-Buchse und die asymmetrische Alternative für einen Klinkenstecker. Berührt man das Kopfhörer-Symbol rechts daneben, schaltet die Endstufe aus. Umgekehrt geht das auf gleiche Weise, wobei ein Lautstärkepegel von über -35dB, der für den Kopfhörer gebraucht wurde, automatisch beim Umschalten um 20 Dezibel zurückgesetzt wird. So ist ausgeschlossen, dass den Lautsprechern schlagartig ein lauter Pegel zugemutet wird. Gute Idee!

Ein symmetrischer und ein unsymmetrischer Kopfhörerausgang werden über den Taster aktiviert
Ein symmetrischer und ein unsymmetrischer Kopfhörerausgang werden über den Taster aktiviert


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