Die Front gefällt mir besser als die des Oladra G4, weil der empfindliche große Kunststoffknopf zum Ein- und Ausschalten jetzt durch einen kleinen mit haptisch sympathischem Druckpunkt ersetzt ist. Wichtig zu wissen ist, dass der Presence bei der Inbetriebnahme erst einmal keinerlei Reaktion zeigt. Man könnte meinen, man habe vergessen, das Stromkabel anzuschließen. Es dauert eine Weile, bis die LED zu blinken beginnen und eine weitere Weile, bis die blaue LED dauerhaft dezent leuchtet und so die erfolgreiche Verbindung zum Router und zum D/A-Wandler, den man bitte zuvor eingeschaltet hat, anzeigt. Diese LED ist mit einem Schalter links in der Symboleiste abschaltbar, falls das Lichtlein stören sollte. Beim Herunterfahren des Presence blinkt eine blaue LED bis im abgeschalteten Zustand dauerhaft eine rote leuchtet, solange man den Presence nicht danach ganz vom Strom nimmt, was mit dem rückseitigen Netzschalter möglich ist. Auch die Rückseite des Presence folgt dem Grundsatz „weniger ist mehr“ rigoros. Statt der von den bisherigen Oladra-Modellen angebotenen Anschluss-Vielfalt gibt es nur einen Ethernet-Eingang – WLan kommt für den puristischen Presence nicht in Frage –, eine USB-A Schnittstelle für den Anschluss eines externen Speichermediums, einen Service-HDMI-Anschluss und den USB-A-Ausgang zum D/A-Wandler. Das ist abgesehen von der Erdungs-Bananenbuchse schon alles. Das USB-Ausgangsboard ist mit der Rückseite verschraubt, falls es gegen ein anderes, jetzt noch nicht erhältliches, ausgetauscht werden soll. Antipodes kündigt optional auch Kombinationen von USB mit S/PDIF als BNC oder Cinch sowie USB plus AES/EBU an. Die Reduzierung auf den einen USB-Ausgang, den gängigsten und universellsten aller Anschlüsse zum D/A-Wandler, ist konsequent puristisch. Damit werden unnötige Einstreuungen jeglicher Art über ungenutzte Schnittstellen vermieden. Schon beim Oladra G4 konnte ich praktisch keinen Klangunterschied zwischen USB und dem von mir favorisierten, aber nicht standardisierten I2S mehr feststellen. Zwei SATA-Slots erlauben eine Erweiterung des internen Speichers für Musikfiles, und zwar auf großzügige 20 Terabyte.
Bevor ich zur Klangbeschreibung komme, noch etwas in eigener Sache: Anfang April erfuhr ich von den zwei neuen Spitzenmodellen, die Torsten Fink mir für die erste Mai-Hälfte ankündigte. Aber nicht nur deshalb suchte und fand ich schnell einen Käufer für meinen Oladra. Ich hatte bei Cayin ein CD-Laufwerk gefunden, das ich nicht mehr hergeben wollte und das den Oladra klanglich übertraf. Gut, für HighRes-Files brauche ich auch weiterhin einen Server/Player, aber CDs rippen war plötzlich kein Thema mehr. Somit ist die Messlatte für diesen Test auch der Cayin Pearl 30 C. Es gibt ein Thema, was ich notwendig finde zu besprechen. Das ist das Zusammenspiel von Musik-Server/Player Hardware, also hier dem Oladra Presence und der Software, wie Roon, Audirvana, HQ-Player, Jplay oder Squeeze, was jetzt Lyrion heißt. Wie ich auch aus dem Kollegenkreis weiß, darf man durchaus in Betracht ziehen, dass nicht jede Hardware optimal mit jeder Software harmoniert. Bei Antipodes Audio ist Squeeze in der Vergangenheit favorisiert worden. Das sagte mir Mark Jenkins vor ein paar Jahren. Das stürzt uns Anwender in ein Dilemma, da Roon uns bekanntlich mit einer erheblich informativeren Benutzer-Oberfläche verwöhnte als das doch recht rudimentäre Squeeze. Andere Software wie Audirvana oder Jplay bieten ebenfalls eine schönere Bedienung und bessere Informationen. Antipodes Audio ermöglicht meines Wissens als einziger Anbieter die alternative Nutzung von Roon, Lyrion und DLNA kombiniert mit Miniserver als Server und als Player. Die neue Software „Oladra Play“ für Android, Apple und Windows macht ein Umschalten möglich, zwar nicht direkt hin und her, aber doch mit erträglichem Zeitaufwand und vor allem unkomplizierter Vorgehensweise. Sie haben also freie Wahl. Auf dem Oladra G4 nutzte ich stets Roon, auch weil Jplay mir und anderen Hörern in meiner Anlagen-Abstimmung zu hell klang. Squeeze oder Lyrion habe ich für Tests nie verwendet, weil diese Software nur wenige Leser nutzen. Mit dem Presence gilt es, diese drei Alternativen neu zu bewerten. Ich habe mit etlichen Musikstücken verschiedener Genres immer wieder verglichen und bin zu folgender Einschätzung gelangt: Roon sieht gegenüber Lyrion oder Jplay nicht besonders gut aus. Es klingt vergleichsweise weniger aufgelöst und weniger lebendig. Hat man mit Jplay oder Lyrion eine Weile gehört, fällt das Zurück auf Roon sehr deutlich ab. Es wirkt gegenüber den beiden Alternativen regelrecht langweilig. Am meisten begeistern konnte mich Lyrion, da es die Spannung in der Musik grandios vermittelt. Dies imponierte mir auch im Vergleich zu Jplay besonders beim Live-Album von Lhasa de Sela Live in Reykjavik. Die Präsenz der Sängerin, ihre Artikulation und die Atmosphöre mit der Resonanz aus dem Publikum vermittelt Lyrion in emotional packender Weise. Sogar Oldies wie Aftermath der Rolling Stones mit den schrecklichen links-rechts Zuordnungen dieser Zeit faszinierte, weil jeder Ton extrem plastisch, farbintensiv und konturenscharf zu hören war. Da wippen die Füße unweigerlich. Jplay punktete hingegen mit etwas mehr Schönheit und mehr Ruhe bei einigen Musikstücken. So gefiel mir mit Jplay das Live-Album The „In“ Crowd vom Ramsey Lewis Trio besser, weil für meinen Geschmack die Tonalität mit Lyrion hier im Grundton ein wenig zu üppig erschien und deshalb Jplay eine Spur lebendiger wirkte. Hinsichtlich der räumlichen Auflösung überzeugt der Presence auch bei Roon voll und ganz; Er staffelte Stimmen und Instrumente stets sehr schön uns standfest auf großer Bühne und in keinster Weise an den Lautsprechern haftend ab – perfekt!

Da seinerzeit beim Vergleich meines Oladra G4 mit dem Cayin Pearl 30c Transport Roon benutzt wurde, starte ich den Vergleich auch mit Roon. Oladra Presence und das Cayin CD-Laufwerk verbinde ich mit klanglich gleichen Habst-USB- und -AES/EBU-Kabeln, sodass es hierdurch nicht zu Verfälschungen kommen kann. Schon bei der ersten CD, dem Piano Quartet op.47 von Robert Schumann, eingespielt bei Tacet vom Auryn Quartet, höre ich deutlich, wie sehr sich der Klang des Oladra Presence gegenüber dem Oladra G4 verbessert hat. Zwar hatte der Cayin Pearl immer noch leicht die Nase vorn, aber die Unterschiede waren beinahe gegen Null geschrumpft. Wenn damals der G4 diese Musik relativ hart und wenig emotional ansprechend wiedergab, erlebe ich mit dem Presence Klangfarbenpracht und mitreißendes Spiel. Ganz anders wird es, wenn ich statt Roon zu Jplay wechsle. Dann gerät der Cayin ins Hintertreffen, weil der Presence noch feiner auflöst und die Musik noch spannender darbietet. Der Presence musiziert jetzt lebendiger und auch schöner. Auch bei The „In“ Crowd vom Ramsey Lewis Trio bestätigt sich genau dieser Eindruck. Der Presence ist ein Meister des Rhythmus. Er zwingt geradezu zum Fußwippen und vermittelt ein packendes Musik-Erlebnis von begeisternder Intensität. Erstaunlich, wie gut Jplay jetzt klingt, ganz anders und überzeugender als mit dem G4. Lyrion setzt noch eins drauf und macht bei vielen Musikstücken das Erlebnis noch spannender. Details wirken noch klarer herausgearbeitet und lasen noch intensiver in die Musik hineinhorchen. Gut, mit Jplay hört man sie auch, aber Lyrion vermittelt diese Nuancen präzise und unangestrengt. Auch bei Rock-Musik wie Free Live klingt die Musik anmachend, die Drums mächtig, wenn auch weniger fett als mit dem Cayin, der hierbei ein wenig eigenen Sound ins Spiel bringt und im Grundton zu dick aufträgt.
