Um ZOTL zu verstehen, muss man zunächst die klassische Aufgabe des Ausgangsübertragers betrachten. Eine Leistungspentode oder Beam-Power-Tetrode arbeitet typischerweise mit einer hohen Anodenlastimpedanz. Ein Lautsprecher hingegen liegt – zumindest in seinem elektrischen Grundverhalten – im Bereich weniger Ohm. Ein Audioübertrager transformiert diese beiden Welten über sein Windungsverhältnis. Genau hier beginnen die bekannten Schwierigkeiten des Audioübertragers: große Windungszahlen, Streuinduktivität, Wicklungskapazität, Kernmagnetisierung, Hysterese und Sättigung. Im Klartext heißt das nichts anderes, dass ein Ausgangsübertrager nicht einfach ein idealer Widerstandstransformator ist, denn seine Übertragung ist frequenz- und signalabhängig. Im Tieftonbereich bestimmen Kernquerschnitt, Magnetisierungsinduktivität und Gleichstromanteile die Grenze; im Hochtonbereich begrenzen Streuinduktivität und parasitäre Kapazitäten Bandbreite und Phasenlage. Bernings ZOTL-Patent beschreibt einen anderen Weg. Das Push-Pull-Paar ist über DC-/DC-Schaltwandler mit der Last verbunden. Diese Wandler arbeiten bei einer festen, deutlich über dem Audiobereich liegenden Frequenz. Spezielle HF-Übertrager übernehmen dort die eigentliche Spannungs- und Stromtransformation; Gleichrichterstufen führen das Signal im Ergebnis wieder in eine für den Lautsprecher geeignete Form zurück. Bernings eigene Technologie-Seite beschreibt das als RF-carrier system.

Das ist ein fundamentaler Unterschied zu einem Audioübertrager: Im klassischen Verstärker muss der magnetische Kern unmittelbar das Audiosignal über einen Frequenzbereich von wenigen Hertz bis weit über 20 Kilohertz übertragen. Im ZOTL-Wandler muss der Kern dagegen primär eine fest definierte Hochfrequenz verarbeiten. Die Audioinformation moduliert respektive steuert diesen HF-Prozess. Der HF-Kern im Century arbeitet also unter ganz anderen Randbedingungen als ein Audio-Ausgangsübertrager. Bei fester HF-Frequenz können Kernmaterial, Windungszahl, Wicklungsgeometrie und parasitäre Kapazitäten gezielt für einen relativ engen Arbeitsbereich optimiert werden. Die für Audio problematischen Effekte des klassischen Ausgangsübertragers, insbesondere frequenzabhängige Magnetisierung und die direkte Übertragung des Audiosignals durch den Kern, werden damit aus dem kritischen Frequenzband herausgehalten. Die hohe Röhrenimpedanz bleibt erhalten und die notwendige Impedanztransformation wird elektronisch über den HF-Wandler vorgenommen. Damit wird auch verständlich, warum Berning nicht hunderte Watt aus einem Röhrengrab ziehen muss. Die Röhren können in einem für sie geeigneten Spannungs- und Strombereich betrieben werden, während die ZOTL-Stufe das Impedanzniveau an die reale Last überführt.

Die bemerkenswerteste Besonderheit des Century liegt in der Ausgangsstufe. LTA setzt erstmals in seiner Produktfamilie eine Screen-Drive-Schaltung in dieser ZOTL-Leistungsklasse ein. Vier 6JN6 pro Kanal arbeiten als Strahlleistungspentoden, zwei EL84 übernehmen die Ansteuerung der Schirmgitter. Das Schirmgitter einer Pentode ist hier elektrisch weit mehr als eine statische Hilfselektrode. In einer konventionellen Pentodenschaltung liegt es auf einer weitgehend konstanten Gleichspannung. Wird sein Potential hingegen gezielt mit dem Signal verändert, verändert sich die Übertragungskennlinie der Leistungsröhre. Berning hat diese Screen-Drive-Philosophie bereits in früheren Patenten beschrieben: Die Schirmgittersteuerung kann Wirkungsgrad, mögliche Ausgangsleistung und Betriebssicherheit verbessern. Im Century übernehmen die EL84 damit eine ungewöhnliche Funktion der Steuerung der Screen-Elektroden der Leistungspentoden. Das ist der Grund, warum LTA von Pentode driver control system spricht. Die 6JN6 können dadurch effizient als Pentoden betrieben werden, ohne dass die Auslegung allein auf der statischen Schirmgitterspannung einer konventionellen Pentodenendstufe beruht. Aus Sicht des Signalflusses entsteht damit eine interessante Arbeitsteilung: Die 6JN6 stellen die eigentliche Leistung zur Verfügung; die EL84 beeinflussen deren Betriebszustand über die Schirmgitter und der ZOTL-Wandler sorgt anschließend für die niederohmige Impedanzanpassung an die Lautsprecherlast. Der Century verfügt über drei globale Gegenkopplungsstellungen: LOW, MED und NORM. Mit zunehmender Gegenkopplung sinkt der effektive Ausgangswiderstand. Damit wird die elektrische Rückwirkung des Lautsprechers stärker unterdrückt und die Kontrolle des Chassis nimmt zu. Wie immer darf hier in Abhängigkeit vom verwendeten Lautsprecher der persönliche Geschmack entscheiden. Schön, dass Sie, lieber Leser, nach diesem Ausflug offenbar noch dabei und nicht vor Langeweile in einen Tiefschlaf versunken sind.