Vielleicht weil ich die Optik der Einsteins vor Augen hatte, überraschte mich das Äußere der Linear-Tube-Audios völlig: keine Spur von sattem Chrom, glänzendem Schwarz oder wirkungsvoll in Szene gesetzter Röhren. Dietrich Brakemeier und ich entnahmen den Kartons zwei mit 12 Kilogramm unerwartet leichte, fast quadratische Aluminiumgehäuse mit der üblichen Hifi-Komponenten-Breite und einer Höhe von gerade mal 14 Zentimetern – gut verarbeitet und von schlichter Eleganz. Auf der Front findet sich nur eine LED und ein Schalter, mit den sich das Maß der Gegenkopplung in drei Stufen variieren lässt. Mit ihrem Erscheinungsbild haben mich die LTAs sofort für sich ein genommen. Schon seit einigen Jahren ziehe ich ein reduziertes, funktionales Design jeglichem Bling-Bling vor. Den ersten positiven Eindruck brauche ich auch nicht zu revidieren, nachdem ich Dino Saluzzis Once Upon A Time – Far Away In The South von der Festplatte des SOtM sMS-2000 gestartet habe. Auf „The Revelation“ erklingen Pierre Favres Percussioninstrumente in einem großen, wenig bedämpften Raum.
Die tiefen Trommeln besitzen eine Menge Energie, und dabei haben die LTAs die sechs Konus-Chassis der Børresen T5 aller bestens im Griff. Palle Mikkelborgs Trompete und Flügelhorn kommen ohne Rauigkeit und dennoch mit dem nötigen Biss rüber. Das Bandoneon ist auf dem rechten und linken Kanal zu hören, und selbst im sehr dichten Mittelteil gibt es eine Reihe von Detail- und Rauminformationen zu entdecken. Für die Aufnahme ist wieder einmal Martin Wieland verantwortlich: bester ECM-Sound aus dem Tonstudio Bauer. Gut, ich habe das Stück lange nicht gehört, aber so gut klingend wie mit den LTAs habe ich es nicht in Erinnerung – wozu gewiss auch der MSB Cascade seinen Teil beiträgt. Da der nach fast zwei Monaten den Hörraum verlassen muss, schleife ich an seiner Stelle Chord Electronics' DAVE und M-Scaler mit ihren externen Netzteilen ein. Dadurch scheint die imaginäre Bühne zwar minimal zu schrumpfen und die Musik fließt einen Hauch weniger geschmeidig, Fokus und Präzision der Abbildung sowie Definition und Wucht im Tieftonbereich bleiben aber auf ähnlich hohem Niveau wie zuvor. Da manifestiert sich die Qualität der LTAs, die mit der höchstmöglichen Gegenkopplung arbeiten: Der Schalter steht auf NORM.
Kürzlich war Marko Licanin, der leitende Forschungs- und Entwicklungsingenieur der Siltech Group, in Gröbenzell zu Besuch und spielte zur Überprüfung seiner Lautsprecheraufstellung unter anderem Brian Bromberg Solo-Bass-Version von „Come Together“ vom Album Wood. Die streame ich jetzt noch einmal, wobei die Kette keinerlei Wünsche offen lässt: Der Grundtonbereich des Kontrabasses besitzt Wucht und Wärme, und Griff- und Saitengeräusche vermittelten eine gute Vorstellung von der Größe des – virtuellen? – Aufnahmeraums. Timing und Groove des amerikanischen Bassisten sind einfach mitreißend. In diesen Disziplinen und auch in Sachen Lautsprecherkontrolle überzeugen die Centurys voll und ganz. Auf dem auch ansonsten recht Kontrabass-zentrierten Trio-Album finden sich übrigens noch zwei Jazz-Klassiker, bei denen Brian Bromberg auf die Unterstützung seiner Kollegen verzichtet: „Freedom Jazz Dance“ und „All Blues“. Nicht nur für Freunde des Viersaiters ein wahrer Genuss!
Das brachte mich dazu, bei Qobuz im umfangreichen Oeuvre des Bassisten nach einem reinen Solo-Bass-Alben zu suchen. Vergeblich! Aber eine Entdeckung, die ich dabei machte, möchte ich Ihnen nicht vorenthalten: Auf Downright Upright habe ich eine ebenso spannende wie eingängige Fassung von „Mercy Mercy Mercy“ entdeckt, auf der der Tieftöner von Saxophon, einer dezenten Hammond, Flügel und Drums begleitet wird. Dieses musikalische Schmankerl sollten Sie sich nicht entgehen lassen – auch wenn in Ihrer Kette keine LTAs für Wohlklang sorgen.
Wie erwähnt spielten die LTAs bisher in der Normal-Einstellung für die Gegenkopplung. Auch wenn ich bisher mit dem Gehörten vollständig glücklich bin, sollte ich die beiden anderen Einstellungen auch noch ausprobieren – wohlwissend dass die Höreindrücke sehr von der Interaktion der Endstufen mit den angeschlossenen Lautsprechern geprägt werden. Der erste Satz von Mahlers Symphonie Nr. 3, dirigiert von Mariss Jansons, fordert die Endstufen mit seinen dynamischen Kontrasten, einem weit ausgedehnten, kräftigen Tieftonbereich, einer Fülle an Details und einer farbstarken Instrumentierung. Auch bei diesem ebenso anspruchsvollen wie vertrauten Stück erfüllen die Centurys alle Erwartungen, die die bisherigen Höreindrücke geweckt haben. Mit etwas weniger Gegenkopplung, Schalterstellung MED, öffnet sich der virtuelle Raum in allen Dimensionen, die Pauken kommen noch mächtiger rüber, wenn auch nicht besser artikuliert, und das ein oder andere Detail schafft es über die Wahrnehmungsschwelle. Mir gefällt diese minimal spektakulärere Wiedergabe einfach besser.
Bei der Einstellung LOW ist die Wiedergabe noch luftiger, offener, dabei aber weniger gut definiert und dynamisch etwas weniger pointiert. Was für mich diese Einstellung aber disqualifiziert, ist die leichte tonale Veränderung: Obere Mitteltöne und der Hochtonbereich werden minimal stärker betont, die Wiedergabe wirkt auf mich leicht unausgewogen und anstrengend. Zumindest beim ersten Satz von Mahlers 3. Symphonie würde ich die NORM-Einstellung wählen, wenn ich eine neue Komponenten in meiner Kette beurteilen müsste, und die Lautsprecher weniger stark von den Endstufen kontrollieren lassen, wenn es um reinen Genuss geht. Bleibt festzuhalten, dass der Schalter an der Frontseite keine Spielerei ist: Er verändert den Klang nicht nur marginal und erlaubt so eine Anpassung des Charakters der Endstufen an den Laufsprecher, den eigenen Geschmack oder schlicht die aktuelle Musikauswahl.