Aber auch dabei lässt sich das Bewertungssystem im Hintergrund nicht völlig abschalten – selbst dann nicht, wenn eine Platte auf dem Teller liegt, die uns schon Mitte der 80-er Jahre begeisterte: musikalisch, klanglich nicht unbedingt. Ja, Sie vermuten richtig, dass darauf ein Kontrabass eine wichtige Rolle einnimmt, und zwar der von Eddy Gomez, der Music For Flute And Double Bass Ende 1978 mit Jeremy Steig eingespielt hat. Die CMP-Scheibe liegt mir derart am Herzen, dass ich schon seit einiger Zeit eine zweite, nagelneue im Regal stehen habe, nur für den Fall, dass dem seit über 40 Jahren gespielten Exemplar mal etwas zustößt.

Die rhythmisch und harmonisch pointierten Zwiegespräche der so gegensätzlichen Instrumente, an denen sich dank Studiotechnik auch weitere Stimmen beteiligen, machen den Reiz der Platte aus. Der Einsatz einer Vielzahl von Effekten wie Oktave Divider, Mutron Bi-Phase, Echoplex und Ring Modulator für die Flöten sorgt zwar für Abwechselung, verleiht dem Klang aber meist auch etwas Unorganisches. Eddie Gomez' Bässe, darunter ein 5/8-Modell, wurden über einen Tonabnehmer abgenommen. Als sich der Wilson Benesch der Scheibe annimmt, gibt es plötzlich hier und da eine zusätzliche Mikroinformation zu entdecken, der Klang der Flöte wird nicht von den Effekten maskiert, da der Instrumentenklang und die darüber liegenden Effektschichten einfach besser differenziert werden, und selbst der nicht ideal aufgenommene Bass-Sound wirkt realistischer und erdverbundener. So fein aufgelöst und dabei emotional ansprechend habe ich die Scheibe in über 40 Jahren nicht gehört. Daran haben natürlich auch die Transienten ihren Anteil, die jetzt denen eines live gespielten, akustischen Instruments enorm nahekommen. Die Interaktion von Flöte und Bass mit dem virtuellen Raum konnte man zuvor ebenfalls nicht so deutlich wahrnehmen. Ich übertreibe wirklich nicht, wenn ich sage, dass ich die LP noch nie so intensiv erlebt habe wie mit dem Prime Meridian System.

Natürlich war ich nach den ersten ausgesprochen positiven Erfahrungen mit dem Wilson Benesch neugierig, was er denn aus den bekannten Testscheiben noch Unerhörtes zutage fördert. Die Antwort ist einfach: mehr Information. Mal ist es ein Griffgeräusch, mal ein bisschen mehr Luft, die ein Instrument umgibt, mal eine länger nachvollziehbare Hall-Fahne, mal ein wenig mehr Tiefe der Bühne – und all das, ohne jemals auch nur ansatzweise kühl oder analytisch zu klingen. Das Prime Meridian System bindet die klanglichen Feinheiten perfekt in den musikalischen Fluss ein: Sie sind präsent, wenn man kritisch zuhört, drängen sich aber keinesfalls in den Fokus, wenn man sich vorrangig den musikalischen Inhalten widmen möchte: einfach perfekt! Ich werde es Ihnen und mir aber ersparen, die genannten Neuentdeckungen jeweils einer der immer wieder gespielten Test-Scheiben zuzuordnen. Es gibt schlicht keine Scheibe, bei der der Wilson Benesch nicht ein bisschen mehr zu bieten hatte als alle anderen Plattenspieler, die in meinem Hörraum standen.
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