Mit einer intensiveren Wucht eröffnet das Orchester tutti, gefolgt von den Tanzklängen der fein und munter aufspielenden Holzbläser. Alles wirkt eine Spur plastischer und steht konturenschärfer im Raum. Auffällig ist: die Musik klingt angenehmer. Ich bin von der Größenordnung dieses Klanggewinns derart überrascht, dass ich mich frage, ob ich mir da was schönrede. Allerdings hatte mein Kollege Klaus Schrätz den Effekte der Wärmebehandlung mit der AFI Duo seinerzeit ähnlich beschrieben: „Im Vergleich zum wirklich hervorragend aufgenommenen Original ist die Wiedergabe etwas klarer, Instrumente klingen akzentuierter und trotzdem ist das Klangbild insgesamt wärmer, tiefer und hat mehr Wucht. Der natürliche Raum, in dem die Aufnahme im Kloster Noirlac stattfand, wurde größer und erfahrbarer. Die Aufnahme klingt rhythmischer, es macht soviel Spaß, dass es verleitet, die Platte in einem Stück zu hören.“
Mehrfaches Wiederholen meines Hörvergleichs überzeugte mich zunehmend und bestätigte meinen ersten Eindruck. Aber dennoch: Ich rufe nun meinen Freund T. an und verabrede, einige LPs, die wir beide besitzen, auf seiner Anlage zu vergleichen. Diese ist hinsichtlich Auflösung meiner überlegen, kostete aber auch einige Hunderttausend Euro mehr. Wir wählten:
Es handelt sich also in überwiegend um altes Vinyl, das sich theoretisch eher widerspenstig bei den geplanten Prozeduren zeigen würde, weil es eventuelle Weichmacher frischer Fertigungen, die der Elastizität dienen, nicht mehr oder weniger enthält. Zwei dieser LPs behandelte ich im Flatten it jeweils zwei Stunden plus Vorlaufzeit und Abkühlung auf 25 Grad. Die Ludwig Streicher jedoch nur eine Stunde, um später zu ermitteln, ob eine gleichartige Klangveränderung auch nach der halben Hitze-Phase hörbar wird.
Zuerst hörten wir gemeinsam die La Fille Mal Gardée und erlebten die Klangunterschiede ausgeprägter als auf meiner Anlage. Mein Freund war davon angetan und ich beruhigt, das ich mir keineswegs etwas eingebildet hatte. Vor allem die Energie im Grundtonbereich und die Plastizität der feinen spielerischen Instrumentierung waren hier deutlich vernehmbar. Das war eine klare und überzeugende Angelegenheit und lieferte bereits ausreichend Grund, sich den Pro-Ject zuzulegen. Igor Stravinskys Le Sacre du Printemps blühte in ähnlicher Weise auf. Das sehr hoch spielende Solo-Fagott zu Beginn erlebten wir räumlich exakter abgebildet und auch körperlicher als von der nicht getemperten LP zuvor, die aus der selben Charge in der Herstellung stammte. Wir hatten sie einst bei Acapella von Alfred Rudolph bekommen. Wieder fiel auf, dass die Musik ruhiger und aufgefächerter klang, weil auch die auf das Fagott folgenden Holzbläser wie Englischhorn und Klarinetten mit mehr Eigenständigkeit und Körper lebendig und authentischer hörbar waren. Als wir den Wiener Philharmoniker Ludwig Streicher mit seinen Einspielungen von Bottesini mit Begleitung von Norman Shetler am Klavier hörten, und zwar die Tarantella auf Seite 1, war die Überraschung groß, weil meine getemperte LP gegenüber der Scheibe von T erheblich weniger Dynamik aufwies und geradezu langweilig daherkam. Schnell war die Ursache gefunden. Die Rille der LP von T. war wesentlich breiter ins Vinyl geschnitten, während bei meinem Exemplar die Einlaufrille und besonders die Auslaufrille mächtig mehr Platz einnahmen. Auf dem LP-Cover waren keine Exemplar-Unterschiede auszumachen. Ärgerlich, welche Fallen es doch gibt. Da nutzt dann auch das Tempern nichts. Anders auf der B-Seite dieser nur eine Stunde wärmebehandelten LP. Jetzt war wieder der Vorteil durch das Tempern ohne Mühe hörbar. Der Klanggewinn war derselbe wie bei den beiden Scheiben zuvor. Da es sich hier um ein gleichmäßigeres musikalisches Geschehen handelt, waren wir beide überzeugt, dass durch das Tempern etwas Harsches im Obertonbereich eliminiert wird, wodurch der Bottesini erfreulichweise angenehmer und schöner klingt. Verloren geht dabei nichts. Der Glanz und der Nachklang der Klavieranschläge oder des Kontrabasses im Raum bleiben erhalten. Hinsichtlich die räumlichen Darbietung nach der Behandlung mit dem Pro-Ject hatten wir den Eindruck, dass auch hier noch ein leichter Zugewinn spürbar ist, eben weil alles plastischer vermittelt wird. Dieser Mehrwert wurde uns noch einmal ganz deutlich und überzeugend bei Midnight Sugar demonstriert. Auch hier war die tonale Verbesserung durch mehr Energie im Grundton hörbar, was bei orchestraler Musik oder natürlichen Instrumenten allgemein der Echtheit dient. Klavier, Kontrabass und Schlagzeug spielten akzentuierter und greifbarer. Der Rhythmus wirkte ausgeprägter und das Miteinander der Musiker homogener. Wieder war erkennbar, dass die leichte Nervigkeit der nicht behandelten LP verschwunden ist. Ich möchte sagen: Die thermische Entspannung durch Pro-Jects Flatten it führt auch zu musikalischer Entspannung.
