
Der Century ist deshalb technisch so innovativ, weil mehrere scheinbar widersprüchliche Anforderungen gleichzeitig erfüllt werden: Röhrentechnik mit hoher Betriebsspannung, hohe Ausgangsleistung, niedrige Ausgangsimpedanz, sehr große Bandbreite, geringe thermische Belastung und zugleich ein möglichst direktes Signalverhalten. Man kann den Century am treffendsten als Röhrenverstärker mit elektronisch organisierter Impedanztransformation beschreiben. Seine Besonderheit ist nicht das Fehlen eines großen Ausgangsübertragers an sich, sondern die Tatsache, dass die Funktion des Ausgangsübertragers in mehrere klar getrennte physikalische Aufgaben gegliedert wird: Röhrenverstärkung, HF-Erzeugung, magnetische Hochfrequenzübertragung, Gleichrichtung, Filterung und schließlich Stromlieferung an die Lautsprecherlast.
Marketing-Leute brauchen ja stets griffige Formulierungen und Zero-Hysteresis ist gewiss eine solche. Aber in diesem Fall ist es weit mehr als ein Marketingwort. Ein magnetischer Kern besitzt Gedächtniseffekte: Sein Zustand hängt nicht ausschließlich vom momentanen Signal ab. Gerade asymmetrische und impulsförmige Signalverläufe können dadurch Verzerrungen erzeugen, die mit einem einfachen linearen Übertragungsmodell nicht vollständig beschrieben werden. Der HF-Kern im Century hingegen arbeitet in einem anderen Betriebsmodus und wird nicht dazu gezwungen, das vollständige Audiospektrum als magnetische Flussänderung abzubilden: Die Hysteresemechanismen im direkten Audiopfad werden vermieden. Technisch ist dies das interessanteste Verstärkerkonzept, das mir jemals untergekommen ist. Um so bitterer für mich, dass ich die Century-Monos Umstände halber (noch) nicht persönlich hören konnte. Ab hier übernimmt Dirk Sommer .

Die Produkte von Acoustical Systems respektive Dietrich Brakemeier haben mich bisher nie enttäuscht, sondern vielmehr begeistert, wie man in den Tests des Tonarms Aquilar und des Tonabnehmers Palladian nachlesen kann. Von diesem gibt es übrigens inzwischen die XO-Boron-Variante, die unbedingt auch mal den Weg nach Gröbenzell finden sollte. Aber Acoustical System glänzt nicht allein mit den eigenen Produkten. Bei einem Analog-Workshop in den Firmenräumen erfuhr ich, dass die noble Analog-Schmiede die Vollbereichselektrostaten von Sound Labs nicht nur im eigenen Hörraum favorisiert, sondern auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz vertreibt. Als Kontrabass-Fan sind Elektrostaten nicht unbedingt meine bevorzugte Lautsprechergattung. Und daran änderten auch die Sound Labs wenig – obwohl ich ihrem Mittel- und Hochtonbereich sowie ihrer extrem offenen und transparenten Spielweise eine Menge abgewinnen konnte. Rundum überzeugten sie dann schließlich doch, nachdem Chris Stubbs von Sound Labs die Majestic 845 PX im Acoustical-Systems-Hörraum mit der neuen Elektronik, der „Full Range Auto Bias“- Spannungsversorgung, ausstattete. Als mir Dietrich Brakemeier das neueste Produkt im Vertrieb Acoustical Systems, die Linear-Tube-Audio-Monoendstufen, zum Test anbot, sagte ich gerne zu – allerdings erst, nachdem Carsten Bussler zugestimmt hatte, den Technikteil des Artikels zu übernehmen. Der Hersteller und sein Vertrieb bezeichnen die Verstärker als „ZOTL Zero-Hysteresis Output Transformer-less Amplifier“. Zumindest mit dem Begriff OTL kann ich etwas anfangen und nach der Beschäftigung mit Einsteins The Silver Bullet verbinde ich damit auch sehr hohe klangliche Erwartungen.
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