Anfang letzten Jahres stellte ich den Dan Clark Audio Noire X vor, dessen Klangsignatur der meines absoluten Favoriten, dem Stealth, sehr nahe kommt – und das zu einem Viertel des Preises des Dan Clark Audio-Topmodells. Jetzt charakterisiert der kalifornische Kopfhörerspezialist den Aeon Core sehr ähnlich: „Flagship Performance. Breakthrough Price.“
Dazu, wie sich die Hierarchie zwischen Stealth, Noire X und Aeon Core darstellt, möchte ich später kommen, denn bei seiner Arbeit für den Aeon Core ging es Dan Clark zuerst einmal um Grundlegenderes: die sogenannten Harman Curve, die Dr. Sean Olive und Todd Welti entwickelten. Sie beschreibt einen Zielfrequenzgang für Kopfhörer, den die meisten Hörer bevorzugen, weil er dem eines sehr guten Lautsprechers im Raum entspricht. Die Harman Kurve gilt als allgemein akzeptiert, auch wenn einzelne Kopfhörer-Konstrukteure sie in Frage stellen wie zum Beispiel Skylar Gray. Seine Kreationen, der Audioquest Nighthawk und der NightOwl Carbon sind im Bereich oberhalb von zwei Kilohertz deutlich zurückhaltender als es die Zielkurve von Olive und Welti vorgibt.

Dazu sollte man wissen, warum es bei der Harman Curve zu dieser Anhebung kommt: Die Ohrmuschel verstärkt diesen Frequenzbereich, wenn man beispielsweise ein lineares Lautsprechersignal in einem speziellen Winkel wahrnimmt. Für die Messungen von Kopfhörern werden Mikrofone am Ende eines künstlichen Gehörgangs und einer ebensolchen Ohrmuschel verwendet. Würde man mit dieser Anordnung den Frequenzgang von Lautsprechern im Raum messen, ergäbe sich oberhalb von zwei Kilohertz auch eine Anhebung von rund zehn Dezibel gegenüber dem Pegel bei einem Kilohertz. Da die Kopfhörer ebenfalls mit der Ohrmuschel interagieren, sollten auch sie bei Messungen mit einem Mikrofon am Ende eines künstlichen Gehörgangs die bewusste Anhebung aufweisen. Das heißt aber keinesfalls, dass dafür der Frequenzgang des Kopfhörers verantwortlich ist. Diese Anhebung entsteht nur im Zusammenspiel mit der künstlichen – oder echten – Ohrmuschel. Die Harman Kurve beschreibt also einen Zielfrequenzgang am Ende des Gehörgangs.
In einem Interview mit Jude Mansilla vom Magazin Head-Fi.org, das auch auf deutsch auf YouTube zu sehen ist, führt Dan Clark aus: „Als Sean Olive und das Team die ursprüngliche Harman Zielkurve entwickelt haben, nutzten sie ein proprietäres Ohr-Design – inzwischen Welti-Ohren genannt –, das sie für ihren GRAS-Messaufbau gefertigt hatten. Die damals verfügbaren Ohren waren gewissermaßen „Ross-Perot-Ohren“: Sie ragten zu weit heraus und waren zu hart, so dass die Kopfhörer nicht richtig auf dem Kunstkopf saßen und man keine zuverlässigen Bass-Messungen bekommen konnten – also konnte man die Tests nicht sinnvoll durchführen. Die Welti-Ohren wurden als weichere, nachgiebigere Ohren mit geringerem Härtegrad entwickelt, die weniger weit hervorstehen. Trotzdem sind sie nicht identisch mit den Ohren, die GRAS heute produziert und kommerziell anbietet. Dann passierten zwei weitere Dinge: GRAS brachte ein neues Mikrofon heraus, das RA0402, und eine neue Generation von Ohren, die KB5000-Serie, und genau die nutzt inzwischen jeder, der mit GRAS misst. Das bedeutet: Das Messsystem, mit dem die Harman-Kurve ursprünglich erstellt wurde, hat eine andere Frequenzgangcharakteristik als das System, mit dem heute alle arbeiten.“
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