Finals Tonalite ist nicht nur ein neuer In-Ear, sondern macht gleichzeitig Finals Timbreanpassung jedem Nutzer mittels einer App zugänglich. Seit der noch etwas kryptischen Ankündigung dieser Technologie auf der High End 2022 habe ich Ihnen über den Entwicklungsprozess berichtet. Das fertige Produkt halte ich persönlich für einen Meilenstein.
Tonalite ist eine grundlegende Neuentwicklung mit neuem Formfaktor und neuer Technik. Die Tonalite In-Ears verfügen über eine eher ovale Form, in der die gesamte Elektronik untergebracht ist. ANC-MEMS-Mikrofone und Prozessoren sollen dabei zum Besten gehören, was der Markt aktuell herzugeben vermag. Außerdem verfügt der In-Ear über Bluetooth 6.0 und unterstützt neben SBC auch AAC und LDAC. Letzterer Codec ist insofern eine sehr kluge Wahl, da das Android Open Source Project Sonys proprietären Codec schon seit Android 8 integriert hat. So ziemlich jedes Android Gerät dürfte folglich LDAC unterstützen. iOS-Nutzer hingegen müssen sich ohne den Einsatz eines externen Bluetoothadapters mit AAC begnügen. Der dynamische 10-Millimeter-Treiber wurde ebenfalls speziell für den Tonalite entwickelt. Er ist von der besonders großen Verzerrungsfreiheit von Finals Diamanttreibern inspiriert und soll der verzerrungsärmste Treiber aller aktuell auf dem Markt befindlicher kabelloser In-Ear-Systeme sein. Die Integration der Touch-Bedienung ist gut gelungen. Sobald man sich daran gewöhnt hat, wo genau die Kopfhörer berührungsempfindlich sind und wo nicht, kommt es eigentlich kaum noch zu Fehleingaben, auch nicht beim Einsetzen- oder Herausnehmen aus den Ohren.
Die Passform der Tonalite empfinde ich als angenehm. Das Kombi-System aus den Eartips und dem zusätzlichen Gummiring, der sich in der Ohrmuschel abstützt, funktioniert bei mir gut. Die Tonalite werden mit vier verschieden Größen Eartips und zwei verschiedenen Gummiringen geliefert. In meinen tendenziell eher kleinen Ohren wird der ideale Sitz recht weit außerhalb des Gehörgangs mit dem zweitgrößten Eartip und dem großen Gummiring erreicht. Andere Kombinationen führen zu einem eher schlechteren Seal. Insgesamt ist die physische Dämpfung somit zwar gut, aber nicht vergleichbar mit einem In-Ear, der samt Comply-Eartip unmittelbar im Gehörgang sitzt. Das gute Noise Cancelling holt diesen Rückstand allerdings zuverlässig auf. Im normalen Modus bietet der Tonalite ein auf Klangqualität und ein auf Geräuschunterdrückung optimiertes ANC. Ersteres ist frei von Druckgefühl oder anderen unangenehmen Wahrnehmungen, die sonst mit ANC verbunden sein können. Letzteres Profil erzeugt bei mir ein minimales aber kaum störendes Druckgefühl. Mit 100 Milliampererstunden in den Kopfhörern soll der Tonalite bis zu neun Stunden lang spielen. Gemeinsam mit den 700 Milliampererstunden des Ladecases soll die Akkulaufzeit bis zu 27 Stunden betragen. Ich habe die Laufzeiten nicht überprüft, wurde aber auch an langen Tagen mit Dauerbetrieb auf Reisen nicht im Stich gelassen. Die Möglichkeit, das Case kabellos zu laden, finde ich persönlich großartig.

Das Alleinstellungsmerkmal der Tonalite ist Finals Digital Twin Audio Simulation, kurz DTAS. Diese Technologie basiert auf Finals Feststellung, dass die sogenannte Head-Related Transfer Function (HRTF) also die individuelle Beeinflussung von Schallereignissen durch unsere Oberkörper-, Kopf- und Ohrmuschelform, nicht nur unsere räumliche Wahrnehmung bestimmt, sondern auch die Wahrnehmung von Klangfarben oder Timbre entscheidend prägt. Im Spatial Audio Bereich ist die HRTF folglich der Dreh- und Angelpunkt schlechthin. Sie kann beispielsweise durch eine Kunstkopfaufnahme nachgeahmt werden. Es gibt auch Systeme, bei denen In-Ears als Mikrofon dienen. Die so gemachte Aufnahme ist dann ideal auf die individuelle HRTF der aufnehmenden Person zugeschnitten. Die Koeffizienten einer HRTF lassen sich auch digital nachbilden. Dazu werden meist gemittelte Datensätze zugrunde gelegt. Apple beispielsweise bietet AirPods-Max-Nutzern die Möglichkeit, ihren eigenen Kopf zu scannen, um die Wiedergabe von Spatial Audio zu verbessern und an die eigene HRFT anzupassen. Dolby Atmos ist in diesem Zusammenhang ein Innovationstreiber. Bei der Wiedergabe über Kopfhörer werden die verschiedenen Kanäle des objektbasierten Mehrkanalformats dann mit Hilfe einer HRTF-Funktion um den Hörer herum platziert. Zwar werden Dolby Atmos Mischungen von Musik immer häufiger, aber nach wie vor ist das Stereoformat der de-facto-Standard. Deshalb zielt Final mit DTAS eben nicht auf das Schaffen einer virtuellen Räumlichkeit ab, sondern möchte Musik im Stereoformat für den Hörer so natürlich wie möglich klingen lassen. Der Schlüssel hierzu ist Timbre. Um die individuellen Faktoren einer HRTF zu bestimmen, müsste man eine Vielzahl akustischer Messungen über sich ergehen lassen. Deshalb simuliert Final die Messungen in einer virtuellen Umgebung mit einem 3D-Modell, dem Digital Twin des Nutzers.